Wochenreflexion #39/ KW 17 2026 – Was passiert, wenn man aufhört, sich zu beweisen
Ausgangspunkt: Videos als Spielwiese
Diese Woche hat sich vieles zusammengefügt.
Eigentlich hat es mit etwas Kleinem angefangen – mit Videos. Ich habe angefangen, meine Clips durchzugehen, sie besser zu sortieren, bessere Shorts zu machen und herauszufinden, was funktioniert. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher so nicht gesehen habe: Viele meiner Videos waren nicht schlecht, aber sie waren nicht meine.
Ich habe sie aufgenommen, weil sie „für ein Video gut sein könnten“. Weil sie Bewegung hatten. Weil sie sich filmisch angefühlt haben. Aber nicht, weil ich sie wirklich so gesehen habe. Der Moment, der alles verändert hat, war eine einfache Frage: Würde ich davon ein Foto machen?
Plötzlich wurde es klar. Ein Großteil ist rausgefallen. Nicht aus einem technischen Grund, sondern weil es nicht meine Sicht war.
Warum weniger im Video stärker wirkt
Im nächsten Schritt habe ich meine eigenen Shorts hintereinander angeschaut. Dabei habe ich gemerkt, dass mein Kopf sich gar nicht auf das VoiceOver konzentrieren kann, sobald mehrere Clips im Video sind. Jeder Schnitt zieht Aufmerksamkeit. Jeder Wechsel fordert etwas vom Betrachter. Das Bild will gesehen werden, der nächste Schnitt auch, und gleichzeitig spricht jemand. Es entsteht kein Raum mehr. Die Videos, die nur aus einem Clip bestehen, fühlen sich komplett anders an. Klarer, ruhiger, stimmiger. Das hat etwas in mir verschoben. Weil ich lange dachte, Videos werden besser, wenn sie mehr können – mehr Schnitte, mehr Dynamik, mehr Technik. Jetzt sehe ich: Genau das nimmt ihnen die Wirkung. Ein Clip und ein Gedanke. Mehr braucht es nicht.
Die Kraft von Mikroentscheidungen
Was mich dabei wirklich überrascht hat, ist, wie fein diese Entscheidungen sind. Ich habe immer wieder Dinge ausprobiert – Text im Video, mal mehrere Clips hintereinander, kleine Anpassungen in jedem Video. Und jedes Mal bin ich wieder beim gleichen Punkt gelandet: Es funktioniert am besten, wenn es so einfach wie möglich ist. Sobald ich etwas hinzufüge, wird es schlechter. Ein Text lenkt ab. Ein Schnitt nimmt Ruhe raus. Zu viel Bewegung macht es unklar. Das Faszinierende ist, wie schnell man sich damit selbst verwässert. Kleine Veränderungen haben große Auswirkungen. Und genau darin liegt auch eine gewisse Konsequenz: Klarheit entsteht nicht einmal, sondern in jeder einzelnen Entscheidung.
Verbindung zur eigenen Geschichte
Was ich in dieser Woche verstanden habe, geht aber über Videos hinaus. Ich habe gemerkt, dass ich lange versucht habe, besser zu werden, um etwas zu beweisen – vor allem meiner Mutter.
Sie war CFO. Strukturiert, leistungsorientiert, diszipliniert. Und ich habe früh angefangen, mich daran zu messen. Besseres Abi, besseres Studium, Karriere. Ich habe gelernt zu funktionieren, zu liefern, zu überzeugen.
Ich kann präsentieren, Projekte führen, in großen Runden auftreten. Aber ich bin das nicht.
Wenn ich ehrlich bin, war ich schon früher anders. Ruhiger, zurückhaltender, eher jemand, der beobachtet als sich zeigt. Ich hatte nie viele Kontakte, sondern wenige und dafür tiefere. Im Fußball war ich nicht der Lauteste, sondern der, der das Spiel gelesen hat.
Und irgendwo auf dem Weg habe ich das überdeckt. Durch Leistung. Durch Erwartungen. Durch den Versuch, jemand zu sein, der ich nicht bin.
Warum sich gerade alles verbindet
In den letzten Monaten hat sich das verändert. Ich habe mich bewusst aus Dingen zurückgezogen, vor allem auf der Arbeit. Ich mache nicht mehr alles, ich lasse Dinge liegen, ich spüre weniger Druck, etwas beweisen zu müssen. Und jetzt sehe ich genau das auch in meiner kreativen Arbeit. Ich versuche nicht mehr, etwas darzustellen. Ich lasse es entstehen. Das fühlt sich im ersten Moment ungewohnt an, weil es langsamer wirkt, reduzierter, weniger beeindruckend. Aber gleichzeitig ist es stimmiger. Ich habe mir lange vorgestellt, dass die frei werdende Energie aus der Arbeit in meine Videos fließen würde – dass ich dort mehr mache, mehr leiste, mehr perfektioniere. Aber es passiert das Gegenteil. Es wird ruhiger. Und genau das passt.
Die eigentliche Erkenntnis dieser Woche
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Woche: Weiterentwicklung bedeutet nicht, immer mehr zu machen, sondern immer weniger von dem, was nicht zu einem gehört. Ich kann vieles. Aber ich muss es nicht zeigen. Ich mache nichts mehr, was nicht zu mir gehört – weder auf der Arbeit noch in der Fotografie noch in der Videografie. Und genau daraus entsteht gerade etwas, das sich zum ersten Mal wirklich nach mir anfühlt. Ich bin gut genug. Und ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.