Wochenreflexion #24/ KW 2 2026 – Weniger tun, mehr wirken

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Eine Woche zwischen innerem Widerstand, Loslassen und neuer Klarheit

Diese Woche hat offiziell meine erste Arbeitswoche nach der Pause begonnen. Montag im Homeoffice, Dienstag noch ein Feiertag – und dann Mittwoch und Donnerstag wieder wirklich im Büro vor Ort. Schon im Vorfeld habe ich gemerkt, wie viel innerer Widerstand da ist. Nicht laut, nicht dramatisch, eher unterschwellig. Dieses Gefühl, dass ich eigentlich woanders sein möchte. Dass ich mir für dieses Jahr doch vorgenommen habe, den Weg als Fotograf ernsthaft zu gehen – und dass sich alles andere plötzlich wie ein Umweg anfühlt.

Als ich am Mittwochmorgen ins Büro gefahren bin, war da kein klarer Gedanke, sondern eher ein inneres Ziehen. Eine Mischung aus Unlust, Skepsis und der Sorge, mich wieder zu sehr in etwas hineinzuziehen, das gar nicht mehr meine Identität sein soll. Die Angst war weniger der Job selbst, sondern die Vorstellung, wieder in alte Muster zu rutschen – mich zu definieren über Leistung, Verantwortung und Erwartungshaltungen von außen.

Im Büro selbst hat sich dieses Gefühl nicht sofort aufgelöst. Ich habe gemerkt, wie ich innerlich auf Distanz bleibe, eher beobachte als mich wirklich einlasse. Erst nach und nach, während ich mich konkret mit zwei Themen beschäftigt und angefangen habe, Performancebewertungen vorzubereiten, ist mir etwas aufgefallen: Ich war fokussiert. Nicht getrieben, nicht im Autopilot, sondern ruhig und präsent. Und vor allem – ich habe mich dabei nicht kleiner gefühlt.

Diese Erkenntnis kam nicht als Aha-Moment, sondern eher leise. Ich habe gemerkt, dass ich arbeiten kann, ohne mich zu verlieren. Dass Engagement nicht automatisch bedeutet, sich zu identifizieren. Und dass meine Angst weniger mit der aktuellen Situation zu tun hat, sondern mit alten Erfahrungen, die ich nicht wiederholen will.

In den letzten vier bis fünf Monaten war ich sehr konsequent darin, meine Energie zu schützen. Ich habe Kontakte im Team bewusst reduziert, mich aus vielem herausgenommen und klar unterschieden, wo ich investieren will und wo nicht. Das war wichtig – vielleicht sogar notwendig. Gleichzeitig wurde mir diese Woche klar, dass Schutz irgendwann auch zur Isolation werden kann. Die eigentliche Aufgabe scheint nicht Rückzug zu sein, sondern bewusste Präsenz: da sein, ohne sich zu verlieren.

Raum entsteht nicht durch Aktion – sondern durch Aufhören

Parallel dazu habe ich gemerkt, dass sich mein Umgang mit der Fotografie verändert hat. Nicht abrupt, sondern schleichend. Die Webseite ist fertig – nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Es gibt nichts mehr, das ich „noch schnell verbessern“ könnte, um mir das Gefühl zu geben, voranzukommen. Und genau das war ungewohnt.

In den ersten Tagen fühlte sich das fast falsch an. Als würde ich etwas vernachlässigen. Als müsste ich doch eigentlich mehr tun. Erst nach und nach habe ich verstanden, dass dieser innere Druck vor allem daher kam, dass ich lange Fortschritt mit Aktivität verwechselt habe.

Ich bearbeite weiterhin Bilder und mache Videos, aber ohne klaren Veröffentlichungszweck. Kein Social-Media-Ziel, kein Zeitdruck. Anfangs hatte das etwas Leeres. Mit der Zeit wurde daraus etwas anderes: Ruhe. Nicht als Stillstand, sondern als Raum, in dem Dinge entstehen dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.

Warum das Löschen alter Videos kein spontaner Akt war

Ein ähnlicher Prozess hat sich beim Sortieren meiner alten Videodateien gezeigt. Ich habe mir Clips angesehen, die ich früher aufgenommen habe – viele davon an spannenden Orten, mit dem Gedanken, sie irgendwann noch verwenden zu können. Anfangs war da wieder dieses Zögern: Vielleicht brauche ich das noch.

Je länger ich geschaut habe, desto klarer wurde etwas sehr Konkretes. Technisch passte vieles nicht mehr zu meinem heutigen Anspruch. Vor allem die Belichtungszeit, die oft nicht sauber auf die Framerate abgestimmt war, und Aufnahmen, die nicht im Log-Farbraum entstanden sind. Früher hätte ich gedacht, man könne das im Grading oder Schnitt schon irgendwie retten. Heute sehe ich vor allem eines: Die Bewegung ist unruhig.

Bei Fotos kann ein einzelner Moment tragen. Bei Video funktioniert das nicht. Zeit ist hier nicht Beiwerk, sondern das eigentliche Medium. Wenn Bewegung nicht ruhig fließt, wirkt selbst ein schöner Ort nervös. Zur Einordnung: Wenn man eine falsche Belichtungszeit wählt, kann das Videobild gut aussehen aber die Bewegung im Video wirkt nicht so “smooth”. Und genau dieses Gefühl kann ich heute nicht mehr ignorieren.

Das Löschen kam deshalb nicht impulsiv. Es war eher ein langsames Abwägen – und irgendwann die klare Entscheidung: Dafür will ich nicht mehr stehen. Diese Clips waren Teil meines Lernprozesses, aber sie repräsentieren nicht mehr meine Haltung. Und Identität zeigt sich auch darin, was man bewusst nicht mehr zeigt.

Der gleiche Lernprozess im Körper

Fast zeitgleich habe ich im Sport etwas sehr Ähnliches beobachtet. Im November habe ich viele Trainingseinheiten gebraucht, um eine höhere Trainingsloadsgrenze zu erreichen. Viel Einsatz, viel Ermüdung, wenig echte Erholung. Im Januar hingegen reichten deutlich weniger, gezielter gesetzte Einheiten aus, um eine vergleichbare Belastungsgrenze zu erreichen. Ziel ist es, die Grenze immer weiter nach oben zu verschieben, um mehr oder intensiver trainieren zu können. 

Diese Beobachtung kam nicht theoretisch, sondern über Zahlen – und über das Körpergefühl. Der Körper reagiert nicht auf maximale Anstrengung, sondern auf richtig gesetzte Reize und ausreichend Pausen. Anpassung passiert nicht im Training, sondern danach. Diese Erkenntnis hat sich fast automatisch auf andere Lebensbereiche übertragen.

Als die Uhr nach einer schlechten Nacht die Belastung leicht nach unten korrigiert hat, habe ich das nicht mehr als Rückschritt wahrgenommen, sondern als Hinweis: Das System schützt gerade die Qualität. Genau das versuche ich auch in meiner Arbeit zu tun.

Weniger Vergleich, mehr Orientierung

Diese Woche ist mir außerdem aufgefallen, dass das Vergleichen an Bedeutung verloren hat. Ich hatte nicht das Bedürfnis, ständig andere Fotografen oder deren Bilder in sozialen Medien zu prüfen. Und wenn doch, dann sehr gezielt – etwa um zu sehen, wie andere Bilder bei Schnee in der Heimatstadt machten. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Neugier.

Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Vergleich als Werkzeug fühlt sich völlig anders an als Vergleich als Selbstbewertung. Und ich merke, dass mir diese innere Ruhe auch erlaubt, Plattformen wie Instagram wieder bewusster zu nutzen – klar begrenzt, ohne mich darin zu verlieren.

Framed Freedom – konkret gelebt

Wenn ich auf diese Woche zurückblicke, dann war sie weniger von einzelnen Erkenntnissen geprägt als von vielen kleinen Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass sich mein Umgang mit Dingen verändert. Framed Freedom ist dabei kein abstraktes Konzept geblieben, sondern etwas, das sich ganz konkret gezeigt hat.

Im Job zum Beispiel. Ich war da, habe gearbeitet, Verantwortung übernommen – aber ohne das Gefühl, mich darüber definieren zu müssen. Früher hätte ich entweder Vollgas gegeben oder innerlich komplett auf Abstand geschaltet. Diese Woche war es anders: präsent sein, ohne mich zu verlieren. Der Rahmen war klar – meine Rolle, meine Aufgaben – und genau das hat mir die Freiheit gegeben, ruhig zu bleiben.

Ähnlich bei der Fotografie. Die Webseite ist fertig, der Rahmen steht. Statt nervös nach dem nächsten Optimierungspunkt zu suchen, konnte ich Bilder bearbeiten und Videos machen, ohne sie sofort „verwerten“ zu müssen. Nicht, weil mir etwas egal ist, sondern weil ich mir selbst beginne zu vertrauen, dass Qualität nicht durch Druck entsteht, sondern durch Zeit und Wiederholung.

Am deutlichsten wurde dieses Prinzip beim Löschen der alten Videos. Der Rahmen war hier mein heutiger Anspruch: saubere Bewegung, passende Belichtungszeit, Log-Farbraum als Grundlage. Alles, was außerhalb dieses Rahmens lag, durfte gehen. Nicht aus Strenge, sondern aus Klarheit. Und genau dadurch entstand Freiheit – kein inneres „Vielleicht brauche ich das noch“, kein Festhalten an Orten oder Möglichkeiten, nur weil sie Aufmerksamkeit versprechen.

Sogar im Sport zeigt sich dasselbe Muster. Weniger Trainingseinheiten, aber gezielter gesetzt, führen zur gleichen Belastung – mit besserer Erholung. Der Rahmen aus Struktur und Pausen macht Fortschritt erst möglich. Und selbst wenn die Uhr nach schlechtem Schlaf die Belastung leicht korrigiert, fühlt sich das nicht wie Kontrolle von außen an, sondern wie Unterstützung für Qualität.

Framed Freedom bedeutet für mich gerade nicht, weniger zu wollen, sondern weniger festzuhalten. Einen klaren Rahmen zu setzen – technisch, mental, strukturell – und dann darauf zu vertrauen, dass sich darin etwas entwickeln darf. Ohne ständiges Eingreifen. Ohne Vergleich. Ohne das Gefühl, etwas beweisen zu müssen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Dinge wirklich sichtbar werden: nicht, wenn man sie pusht, sondern wenn man ihnen erlaubt, sich zu zeigen. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

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