Wochenreflexion #35/ KW 13 2026 – Druck, Fortschritt und meinen eigenen Anspruch
Wie sich Druck aufgebaut hat – und warum er nicht sofort sichtbar war
Diese Woche hat nicht mit Kieferschmerzen begonnen, sondern mit einer Entwicklung, die sich über mehrere Tage aufgebaut hat. Rückblickend war es eigentlich absehbar. Die letzten zwei Wochen auf der Arbeit waren geprägt von vielen parallelen Themen, hoher Verantwortung und vor allem Situationen, die sich innerlich nicht stimmig angefühlt haben.
Ein Projekt ist mir dabei besonders hängen geblieben. Plötzlich hatte es höchste Priorität, nicht weil sich inhaltlich etwas verändert hatte, sondern weil sich die äußeren Umstände verändert hatten. Eine bevorstehendes Ereignis hat dazu geführt, dass auf einmal Tempo gefordert wurde, ohne dass wirklich klar war, warum genau jetzt.
Was mich daran beschäftigt hat, war weniger die Arbeit selbst, sondern die Art, wie der Druck entstanden ist. Es kamen Vorwürfe, kurzfristige Erwartungen und immer neue Dringlichkeit dazu, während gleichzeitig das Gefühl blieb, dass das eigentliche Ziel und die Motivation dahinter nicht sauber formuliert ist. Entscheidungen wirkten nicht unternehmerisch, sondern eher getrieben von Unsicherheit oder persönlichen Interessen.
Ich habe gemerkt, wie mich das innerlich frustriert und teilweise auch wütend gemacht hat. Nicht laut und nicht offensichtlich, sondern eher als konstante Spannung im Hintergrund. Gleichzeitig habe ich weiter funktioniert, Themen übernommen, Präsentationen erstellt und Lösungen gesucht. Sogar so weit, dass ein Kollege aus dem Urlaub kurz eingebunden wurde, um Dinge fertigzustellen. Auch das wurde als selbstverständlich betrachtet.
Ich habe das alles aufgenommen, ohne es wirklich zu verarbeiten. Und genau das hat sich später gezeigt.
Warum sich Stress körperlich zeigt – und nicht im Kopf
Am Montag kam dann die Konsequenz. Ich hatte so starke Kieferschmerzen durch Verspannungen über Nacht. Sie waren so stark, dass ich mich am Nachmittag komplett zurückziehen musste. Dunkler Raum, keine Reize, einfach nur liegen. In dem Moment war mein erster Gedanke nicht, dass das mit Stress zusammenhängt, sondern eher die Frage, ob mit dem Zahn oder dem Kiefer etwas nicht stimmt. Erst mit etwas Abstand wurde mir klar, was eigentlich passiert ist. Ich hatte die ganze Woche über Spannung aufgebaut, ohne sie irgendwo bewusst zu lösen. Mein Körper hat sich dann genau den Punkt gesucht, an dem er diese Spannung sichtbar machen konnte. In meinem Fall war es der Kiefer.
Diese Erkenntnis war wichtig, weil sie mir gezeigt hat, dass körperliche Symptome oft nicht isoliert entstehen, sondern Ausdruck eines längeren Prozesses sind. Es war kein einzelner Moment, sondern die Summe aus vielen kleinen Spannungen, die sich nicht entladen konnten.
Warum weniger Training zu mehr Fortschritt führen kann
Interessant war, wie ich danach damit umgegangen bin. Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, trotzdem weiterzumachen, mein Training durchzuziehen und abends noch an meinen persönlichen Projekten zu arbeiten, einfach um das Gefühl zu behalten, produktiv zu sein. Diesmal habe ich bewusst anders reagiert.
Ich bin am Dienstag und Donnerstag locker auf den Crosstrainer gegangen, habe auf Krafttraining verzichtet und meinem Körper die Möglichkeit gegeben, sich zu regulieren, anstatt ihn weiter zu belasten. Ich wollte nicht noch mehr auf die Zähne beißen. Genau in dieser Phase ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet hätte. Meine VO₂max auf meiner Sportuhr ist auf einmal gestiegen. Das erste Mal seit Monaten, ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet oder darauf geachtet.
Das war für mich ein klarer Gegenbeweis zu einem Denkmuster, das ich lange hatte. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Fortschritt vor allem durch mehr Einsatz entsteht, durch mehr Disziplin und durch konsequentes Durchziehen. In dieser Woche hat mir mein Körper erneut gezeigt, dass Fortschritt genauso durch Erholung entstehen kann, wenn sie zur richtigen Zeit kommt. Es war kein Rückschritt, weniger zu machen. Es war die Voraussetzung dafür, dass sich etwas entwickeln konnte.
Der innere Konflikt: Antrieb verlieren oder bewusster handeln?
Diese Erfahrung hat sich nicht nur im Training gezeigt, sondern auch in meiner Arbeit an der Fotografie. In dieser Woche habe ich bewusst nichts produziert. Kein Video, keine Bilder, keine Pins. Nicht, weil ich keine Lust hatte, sondern weil ich gemerkt habe, dass mein System gerade ausgelastet ist. Und genau das hat einen inneren Konflikt in mir ausgelöst.
Ich habe nicht Angst davor, nichts zu tun. Ich habe eher Angst davor, den eigenen Antrieb zu verlieren. In solchen Momenten kommen Gedanken hoch wie: Mache ich gerade zu wenig? Werde ich langsamer? Rutsche ich vielleicht in Bequemlichkeit?
Vor eineinhalb Jahren hätte ich anders reagiert. Ich hätte mich abends trotzdem hingesetzt, Videos gemacht oder Bilder bearbeitet, unabhängig davon, wie ich mich fühle. Einfach, um das Gefühl zu behalten, aktiv zu sein. Hauptsache durchziehen.
Heute mache ich das nicht mehr. Und genau das fühlt sich manchmal unsicher an, weil weniger Aktivität sich schnell wie Rückschritt anfühlt, obwohl sie es nicht ist. Was mir diese Woche klar geworden ist: Ich habe meinen Antrieb nicht verloren, ich habe ihn verändert. Früher war er stark durch Druck getrieben. Heute ist er stärker von Klarheit geprägt. Dazwischen entsteht eine Phase, in der sich beides neu sortiert, und genau diese Phase fühlt sich ungewohnt an.
Der eigene Anspruch zieht sich durch alle Lebensbereiche
Dieses Muster zeigt sich nicht nur im Job oder in der Fotografie, sondern auch im Privaten. Die Zeit mit meiner Tochter hat mir diese Woche wieder deutlich gemacht, dass vieles bereits gut ist. Vertrauen ist da, Verbindung ist da, und sie kann einfach bei mir sein, ohne dass es Probleme gibt. Trotzdem ist da oft der Gedanke, was ich noch besser machen könnte. Dieser Anspruch begleitet mich in vielen Bereichen meines Lebens.
Ich merke, dass es nicht darum geht, diesen Anspruch komplett loszuwerden, sondern ihn anders zu halten und zu gestalten. Weniger als Druck, sondern mehr als Orientierung. Er darf da sein, aber er muss nicht permanent Spannung erzeugen. Erst recht nicht im Zusammenspiel mit meinem Hauptberuf.
Weniger Input als Voraussetzung für mehr Klarheit
Ein praktischer Schritt, der mir diese Woche geholfen hat, war der bewusste Umgang mit Input. Ich habe die YouTube und Pinterest Apps vom Handy gelöscht, nicht weil die Plattformen keinen Wert haben, sondern weil ich gemerkt habe, wie viel Raum sie einnehmen. Allein dieser kleine Schritt hat spürbar etwas verändert. Mein Schlaf wurde besser, mein Kopf ruhiger, und ich hatte wieder mehr eigene Gedanken, statt ständig neue Impulse von außen zu verarbeiten.
Gerade in stressigen Phasen wird oft unterschätzt, wie sehr zusätzlicher Input das System weiter belastet, auch wenn er sich harmlos anfühlt und dem Entertainment dient. Wieso sollten einen Shorts mit Fussball oder Tennishighlights reizen?
Fazit: Fortschritt entsteht nicht durch mehr, sondern durch das Richtige
Diese Woche hat sich nicht immer wie Fortschritt angefühlt. Im Gegenteil, sie war geprägt von Rückzug, weniger Aktivität und dem Gefühl, Dinge nicht voranzutreiben. Wenn ich ehrlich darauf schaue, war sie genau das Gegenteil.
Ich habe verstanden, dass Fortschritt nicht darin liegt, immer mehr zu tun, sondern darin, besser zu verstehen, wann ich aktiv werde und wann ich bewusst Raum lasse. Genau in dieser Balance liegt die eigentliche Entwicklung, nicht nur im Training, sondern in allen Bereichen. Ich habe das jetzt schon mehrfach wahrgenommen, aber gelegentlich gestaltet sich die Umsetzung davon noch schwierig. Doch das ist die Herausforderung zu der Identität, die ich sein möchte. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.