Wochenreflexion #56/ KW 34 2026 – Wenn aus einem Jahr Reflexion eine eigene Methode entsteht

Wenn aus einem Jahr Reflexion eine eigene Methode entsteht

Ich hatte erwartet, dass mir in diesem Urlaub vielleicht noch einmal eine besonders große Erkenntnis kommt. Schließlich reflektiere ich meinen Weg inzwischen seit mehr als einem Jahr, befinde mich an einem Ort, an dem ich mir vorstellen könnte zu leben, und habe bewusst Abstand von meinem beruflichen Alltag gewonnen. Doch dieser eine neue Gedanke, der plötzlich alles verändert, blieb aus. Stattdessen wurde mir in dieser Woche etwas anderes bewusst: Vielleicht brauche ich keine weitere spektakuläre Erkenntnis, weil sich aus den vielen einzelnen Gedanken des vergangenen Jahres längst etwas Größeres entwickelt hat.

Aus meinen Wochenreflexionen ist nicht nur eine Dokumentation meines Weges entstanden. Zwischen den Texten, wiederkehrenden Fragen und konkreten Veränderungen zeichnet sich inzwischen eine eigene Methode ab. Etwas, das ich vorher nicht geplant hatte und das gerade deshalb erstaunlich stimmig wirkt.

Wenn keine neue Erkenntnis kommen muss

In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder erlebt, dass ich Fortschritt gern an sichtbaren Ergebnissen festmache. Eine klare Entscheidung, ein abgeschlossenes Projekt oder ein konkreter nächster Schritt geben mir das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Vielleicht hatte ich deshalb auch von diesem Urlaub erwartet, dass er mir eine neue Antwort auf die Frage liefert, wie mein Weg aus der IT und hin zu einer kreativeren, selbstbestimmteren Arbeit weitergehen soll.

Doch während wir hier in Ericeira waren, fühlte es sich nicht so an, als müsste ich noch etwas grundsätzlich Neues herausfinden. Mein Manifest, meine Vorstellung von Framed Freedom und mein Wunsch nach einem Leben mit mehr Ruhe, Freiheit und sinnvoller Entwicklung waren weiterhin da. Sie wirkten nur nicht mehr wie Ideen, über die ich ständig nachdenken musste. Vieles davon scheint inzwischen so tief verankert zu sein, dass es keine erneute Bestätigung mehr braucht.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die große Erkenntnis zunächst ausblieb. Manche Veränderungen zeigen sich nicht dadurch, dass plötzlich ein neuer Gedanke auftaucht. Sie zeigen sich darin, dass frühere Gedanken selbstverständlich geworden sind.

Wenn Bedeutung wichtiger wird als das Spektakuläre

Besonders deutlich wurde mir diese Veränderung beim Fotografieren. Die Praia da Ursa gehört sicherlich zu den spektakulärsten Orten in der Umgebung. Noch vor einiger Zeit hätte ich wahrscheinlich das Gefühl gehabt, unbedingt dorthin fahren und mit einem besonderen Bild zurückkommen zu müssen. In diesem Urlaub verspürte ich diesen Druck kaum noch.

Stattdessen zog es mich immer wieder zu dem ruhigen Strand in der Nähe unserer Unterkunft. Dort gibt es vielleicht nicht das eine offensichtliche Postkartenmotiv. Dafür verbinde ich inzwischen etwas mit diesem Ort. Ich beobachte die Surfer, die Möwen, das Licht und die Menschen. Ich kann mir vorstellen, irgendwann hier zu leben und selbst mit der Kamera ins Wasser zu gehen, um die Surfer zu fotografieren. Ein Bild von diesem Strand hängt bereits bei uns zu Hause. Dadurch besitzt der Ort für mich eine Bedeutung, die sich nicht allein aus seiner äußeren Schönheit erklären lässt.

Das hat meinen Blick auf Fotografie verändert. Ich muss nicht mehr überall das spektakulärste Motiv finden. Mich interessiert zunehmend, welche Geschichte ich mit einem Ort verbinde und warum ich ein Bild überhaupt aufnehmen möchte. Vielleicht erklärt das auch meine wachsende Lust, häufiger Schwarz-Weiß-Bilder zu veröffentlichen. Wenn die Farbe verschwindet, bleiben Licht, Struktur, Stimmung und Bedeutung. Genau diese Reduktion entspricht immer mehr meiner Art zu fotografieren und Bilder zu bearbeiten.

Aus den Wochenreflexionen wird Framed Freedom

Während ich darüber nachdachte, dass nach einem Jahr Wochenreflexionen keine völlig neue Urlaubserkenntnis aufgetaucht war, entstand eine andere Frage: Was ist in diesem Jahr eigentlich bereits entstanden?

Ich habe inzwischen mehr als 50 eigenständige Reflexionen geschrieben. Ursprünglich sollten sie meinen Weg vom IT Director zum Fotografen begleiten. Sie sollten sichtbar machen, was mich beschäftigt, welche Entscheidungen ich treffe und wie sich mein Leben verändert. Rückblickend haben die Texte diesen Weg aber nicht nur dokumentiert. Das regelmäßige Schreiben hat mir geholfen, Muster zu erkennen, Entscheidungen einzuordnen und immer genauer zu verstehen, was Freiheit für mich bedeutet.

Dadurch wurde in dieser Woche erstmals die Idee greifbar, aus diesen Erfahrungen ein eigenes Konzept zu entwickeln. Framed Freedom könnte mehr sein als der Name meiner kreativen Arbeit oder der Titel eines zukünftigen Buches. Dahinter könnte eine einfache Methode stehen, die Menschen dabei unterstützt, Abstand von ihrem bestehenden Alltag zu gewinnen, wiederkehrende Muster zu erkennen, eine eigene Richtung zu wählen und einen Rahmen zu entwickeln, der diese Richtung im täglichen Leben schützt.

Eine erste mögliche Struktur entstand beinahe von selbst: Abstand schaffen, Muster erkennen, die eigene Richtung wählen, einen tragfähigen Rahmen bauen und anschließend weitergehen, ohne jedes Ergebnis kontrollieren zu wollen. Diese Schritte sind noch kein fertiges Konzept. Sie beschreiben aber erstaunlich genau den Prozess, den ich selbst in den vergangenen Jahren durchlaufen habe.

Keine klassische Coachingrolle

Mit der Idee eines eigenen Konzepts tauchte fast automatisch die Frage auf, ob daraus irgendwann ein Coachingangebot entstehen könnte. Gleichzeitig merke ich, dass die klassische Rolle eines Coaches nicht wirklich zu mir passt. Ich möchte keine Coachingausbildung beginnen, nur um mich anschließend mit einer Berufsbezeichnung positionieren zu können. Mein Ausgangspunkt ist ein anderer.

Ich möchte meine eigene Erfahrung so klar strukturieren, dass andere Menschen darin etwas für ihren Weg erkennen können. Ein Buch, eine verständliche Methode und später vielleicht eine Form von Mentoring fühlen sich deshalb stimmiger an. Roxie Nafousis Bücher haben mir gezeigt, wie kraftvoll eine einfach aufgebaute Methode sein kann. Framed Freedom selbst hatte ich jedoch schon vorher für mich formuliert. Die mehr als 50 Wochenreflexionen haben daraus nach und nach etwas Eigenes entstehen lassen.

Zu dieser Methode könnten auch die Werkzeuge gehören, die mich selbst begleiten: Journaling, Meditation, Bewegung, Training, bewusste Ernährung und einfache Routinen für den Morgen oder Abend. Dabei geht es nicht darum, aus all diesen Dingen ein weiteres perfektes Selbstoptimierungsprogramm zu bauen. Im Gegenteil: Der Rahmen soll entlasten und das schützen, was einem wichtig ist. Sobald Meditation, Journaling oder Bewegung nur zu weiteren Pflichten werden, verlieren sie einen Teil ihrer eigentlichen Wirkung.

Genau darin liegt für mich der Gedanke von Framed Freedom. Freiheit entsteht nicht unbedingt dadurch, dass alle Strukturen verschwinden. Sie kann auch entstehen, wenn ich bewusst einen Rahmen entwickle, der mir Orientierung gibt und gleichzeitig genügend Raum lässt, mein Leben selbst zu gestalten.

Fotografie als Medium für meine Gedanken

Durch diese Idee verschiebt sich auch mein Verständnis meiner zukünftigen Arbeit. Lange bestand das Ziel vor allem darin, Fotograf zu werden und die IT irgendwann hinter mir zu lassen. Inzwischen frage ich mich, ob Fotografie und Videografie vielleicht nicht das alleinige Ziel sind. Möglicherweise werden sie zunehmend zu einem Medium, mit dem ich meine Gedanken ausdrücke und Geschichten erzähle.

Das bedeutet nicht, dass die Fotografie an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Sie bekommt eine persönlichere Funktion. Ein stilles Bild von einem Strand, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme oder eine kleine Geschichte über einen Ort kann transportieren, worum es mir bei Framed Freedom geht. Die Bilder müssen dafür nicht möglichst spektakulär sein. Sie müssen zu dem passen, was ich erzählen möchte.

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zwischen den verschiedenen Themen, die mich bisher begleitet haben. Fotografie, Schreiben, Reflexion, persönliche Entwicklung und der Wunsch nach einem selbstbestimmteren Leben waren nie vollständig voneinander getrennt. Ich habe sie nur lange als einzelne Bereiche betrachtet. In dieser Woche konnte ich zum ersten Mal erkennen, dass sie gemeinsam etwas bilden könnten.

Was sich langsam entwickelt, kann trotzdem groß sein

Die große Urlaubserkenntnis ist damit vielleicht doch gekommen. Sie sah nur anders aus, als ich erwartet hatte. Es war kein einzelner Gedanke, der plötzlich alles verändert hat. Es war die Erkenntnis, dass aus vielen kleinen Gedanken, Entscheidungen und Texten längst eine eigene Richtung entstanden ist.

Vor einem Jahr hätte ich dieses Konzept nicht entwickeln können. Nicht weil mir die richtigen Ideen gefehlt hätten, sondern weil ich den Weg, über den ich heute schreiben möchte, selbst noch nicht weit genug gegangen war. Die Wochenreflexionen haben mir geholfen, diesen Weg bewusster zu erleben. Gleichzeitig sind sie inzwischen ein Teil dessen geworden, was daraus entstehen könnte.

Framed Freedom ist noch keine fertige Methode. Es gibt noch viele offene Fragen, und ich weiß nicht, ob daraus zuerst ein Buch, ein Mentoringangebot oder etwas ganz anderes wird. Trotzdem fühlt sich diese Idee nicht wie ein zusätzliches Projekt an, das ich mir im Urlaub ausgedacht habe. Sie wirkt eher wie das vorläufige Ergebnis eines Jahres, in dem ich regelmäßig versucht habe, meine Gedanken ehrlich zu sortieren.

Vielleicht muss eine wichtige Entwicklung nicht immer spektakulär beginnen. Manchmal entsteht sie so langsam, dass man sie erst erkennt, wenn sie bereits eine eigene Form angenommen hat.

Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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