Wochenreflexion #54/ KW 32 2026 – Ein Jahr weiter, obwohl fast niemand zugesehen hat

In dieser Woche wurde mir bewusst, wie viel sich innerhalb eines Jahres verändern kann, obwohl der große sichtbare Durchbruch noch ausbleibt. Ich bin weiterhin IT-Direktor, verdiene meinen Lebensunterhalt noch nicht mit Framed Freedom und habe keine große Reichweite aufgebaut. Trotzdem bin ich innerlich nicht mehr derselbe Mensch, der vor einem Jahr im Urlaub die Idee hatte, seinen Weg in wöchentlichen Reflexionen festzuhalten.

Vielleicht ist genau das meine größte Leistung dieses Jahres: Ich habe 52 Wochen lang weitergeschrieben, obwohl fast niemand zugesehen hat.

Die Idee auf dem Campingplatz

Vor einem Jahr lief ich im Urlaub in Bibione von unserem Bungalow über den Campingplatz. Dabei kam mir die Idee für die Wochenreflexionen. Ich dachte damals an Menschen, die mit dem Fahrrad um die Welt fahren und regelmäßig von ihren Erlebnissen erzählen. Mein Weg sollte nicht über verschiedene Kontinente führen, sondern aus meiner bisherigen Karriere als IT-Direktor in ein kreativeres und selbstbestimmteres Leben.

In diesem Moment hätte es mich wahrscheinlich nicht überrascht, wenn ich nach zwei oder drei Monaten wieder aufgehört hätte. Ohne Leser, Kommentare oder sichtbare Erfolge wäre das nachvollziehbar gewesen. Es war zunächst nur eine Idee aus einem Urlaub, von der niemand wissen konnte, ob sie den Alltag übersteht.

Trotzdem setzte ich mich nach unserer Rückkehr an meinen Schreibtisch und veröffentlichte die erste Reflexion. Allein die Formulierung „Vom IT-Direktor zum Fotografen“ auf dem Deckblatt kostete mich Überwindung. Ich hatte Angst, dass Kollegen oder Mitarbeiter die Texte entdecken und sich fragen könnten, ob ich meinen Beruf nicht mehr ernst nehme. Damals fühlte es sich beinahe so an, als könnte ich dabei ertappt werden, mir ein anderes Leben vorzustellen.

Ein Jahr später ist genau das passiert, wovor ich damals Angst hatte: Menschen aus meinem beruflichen Umfeld haben die Reflexionen entdeckt. Es gab diesen kurzen Moment der Unsicherheit, ob daraus ein Problem entstehen könnte. Doch letztlich ist nichts Dramatisches passiert. Ich habe meinen Beruf weiterhin verantwortungsvoll ausgeübt und gleichzeitig nicht mehr vollständig verborgen, dass ich mir langfristig einen anderen Weg vorstellen kann.

Aus einer Idee ist ein Archiv meines Weges geworden

Seit dieser ersten Veröffentlichung habe ich jede Woche geschrieben. Inzwischen sind daraus 54 Reflexionen und Zehntausende Wörter geworden. Sie dokumentieren nicht nur fertige Erkenntnisse, sondern auch die Unsicherheit, die Wiederholungen und die kleinen Veränderungen dazwischen.

Festgehalten sind unter anderem der Aufbau und die Veröffentlichung meines Lightroom-Kurses, der erste Verkauf an einen Menschen, den ich nicht kannte, die Entwicklung meiner fotografischen Handschrift und die Erkenntnis, dass Fotografie für mich nicht nur ein mögliches Berufsziel ist. Sie ist zunehmend zu einem Medium geworden, durch das ich über Kreativität, Entwicklung und ein selbstbestimmteres Leben sprechen kann.

Gleichzeitig stehen in diesen Texten auch die weniger sichtbaren Momente: fehlende Resonanz, Zweifel am eigenen Weg, berufliche Erfolge, neben denen Framed Freedom plötzlich winzig wirkte, körperliche Unterbrechungen und die wiederkehrende Frage, ob ich schnell genug vorankomme.

Besonders wichtig war für mich ein Gespräch mit meinem Vater, bei dem viele Tränen geflossen sind. Er sagte mir, dass es völlig in Ordnung sei, diesen Weg zu gehen, und dass meine Mutter stolz auf mich wäre. In diesem Moment löste sich etwas, das wahrscheinlich viel tiefer saß als die konkrete Frage, ob ich Fotograf werden kann. Es ging um die Erlaubnis, meinen eigenen Weg zu wählen, auch wenn er nicht der geradlinigen Fortsetzung meiner bisherigen Karriere entspricht.

Heute erkenne ich den besonderen Wert der Reflexionen auch als Material für ein mögliches Buch. Sollte ich mein Ziel irgendwann erreichen, muss ich die Jahre davor nicht aus der Erinnerung rekonstruieren. Ich habe den Weg dokumentiert, während sein Ausgang noch offen war. Dadurch bleiben Zweifel und Umwege erhalten, die man im Rückblick sonst wahrscheinlich unbewusst glätten würde.

Nicht am Ziel, aber auch nicht mehr am Anfang

Äußerlich ist der entscheidende Schritt noch nicht passiert. Framed Freedom trägt mich finanziell nicht, und der Wechsel aus der IT liegt weiterhin vor mir. Trotzdem wäre es falsch, dieses Jahr deshalb als reine Vorbereitung abzuwerten.

Der Lightroom-Kurs ist veröffentlicht. Meine Website bildet meine Fotografie, den Kurs, die Reflexionen und meine Geschichte inzwischen wesentlich professioneller ab. Aus einzelnen Gedanken ist eine klarere Positionierung entstanden. Ich habe ein wiederverwendbares Videoformat entwickelt, mich selbst vor die Kamera gestellt und damit begonnen, meine Geschichte mit meiner eigenen Stimme zu erzählen.

Kurz vor diesem Urlaub habe ich mich außerdem dafür entschieden, meine Website und meine Inhalte stärker auf Deutsch auszurichten. Auch dieser Schritt fühlte sich verletzlich an. Auf Englisch bestand immer eine gewisse Distanz. Auf Deutsch können Menschen aus meinem direkten Umfeld viel unmittelbarer verstehen, worüber ich spreche und was ich langfristig vorhabe.

Damit wiederholte sich in anderer Form die Situation meiner ersten Wochenreflexion. Wieder gab es die Angst, mich zu deutlich zu zeigen. Und wieder habe ich mich trotzdem dafür entschieden.

Im Urlaub nicht sofort das nächste Projekt beginnen

Noch vor unserer Reise hatte ich die Website umfassend überarbeitet. Trotzdem gab es bereits weitere Ideen: das Bildstil-Tool weiterentwickeln, eine kostenlose Story-Anzeige vorbereiten und die nächsten Inhalte planen. In Portugal entschied ich mich bewusst dagegen.

Ich habe genug vorbereitet. Die nächsten Schritte können bis nach dem Urlaub warten.

Diese Entscheidung klingt kleiner als ein Kurslaunch oder eine neue Website, sagt aber ebenfalls etwas über meine Entwicklung aus. Früher hätte ich wahrscheinlich jede freie Minute genutzt, um weiterzubauen. Heute gelingt es mir zumindest häufiger, einen Zwischenstand anzuerkennen und mein Leben nicht dauerhaft auf die Zeit nach dem nächsten Projekt zu verschieben.

Auch meine berufliche Verantwortung reichte kurz nach unserer Ankunft bis nach Portugal. Das größte Projekt der vergangenen Jahre steht wenige Monate vor dem geplanten Go-live, weshalb ich zweimal gezielt über WhatsApp kontaktiert wurde. In dieser besonderen Situation kann ich nicht so tun, als hätte ich keinerlei Verantwortung.

Trotzdem bedeutet das nicht, dass ich meinen Urlaub täglich mit Projektupdates verbringen muss. Teams und Outlook bleiben geschlossen. Themen, die keine unmittelbare Entscheidung benötigen, können bis zu meiner Rückkehr warten. Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, jederzeit für alles verfügbar zu sein.

Wie schnell Instagram den eigenen Tag verändern kann

Gleichzeitig hat mir diese Woche gezeigt, dass alte Muster nicht vollständig verschwunden sind. Nach der partiellen Sonnenfinsternis sah ich auf Instagram die spektakulären Bilder anderer Menschen. Erst dadurch entstand das Gefühl, möglicherweise etwas verpasst zu haben. Vorher hatte mir an diesem Abend nichts gefehlt.

An einem anderen Abend öffnete ich Instagram erneut. Ich sah, dass es in der Nähe unserer Heimat stark regnete, und fragte mich kurz, ob mit unseren Hasen alles in Ordnung ist. Danach sah ich zwei oder drei weitere Clips. Wenig später begann das Gedankenkarussell: Was könnte zu Hause passieren? Wird sich mein Mitarbeiter noch einmal melden? Muss ich im Urlaub möglicherweise doch wieder etwas lösen?

Dabei war mein Tag bis zu diesem Moment schön gewesen. Das berufliche Problem, über das ich plötzlich nachdachte, war noch gar nicht eingetreten.

Ich kann nach einem einzelnen Abend nicht beweisen, dass Instagram die Ursache war. Die möglichen Sorgen waren bereits irgendwo vorhanden. Trotzdem wirkte die Nutzung wie ein Katalysator. Innerhalb weniger Minuten verlagerte sich meine Aufmerksamkeit von meinem tatsächlichen Leben in Portugal auf verschiedene Orte, Menschen und Probleme, die in diesem Moment überhaupt nicht Teil meiner Realität waren.

Der Fortschritt besteht deshalb nicht darin, dass solche Gedanken nie mehr auftauchen. Er besteht darin, dass ich inzwischen schneller erkenne, wodurch sie ausgelöst werden und dass ich mich ihnen nicht automatisch ausliefern muss.

Den Urlaub nicht nachträglich entwerten

Auch finanziell fordert mich dieser Urlaub auf eine neue Weise heraus. Er ist deutlich teurer geworden, als ich ursprünglich geplant hatte. Wir gehen häufig in Cafés und Restaurants, essen mittags unterwegs und gönnen uns insgesamt mehr. Gleichzeitig frühstücken wir auch in der Unterkunft und essen teilweise abends zu Hause.

Wir bringen uns dadurch nicht in eine schwierige finanzielle Lage. Trotzdem hätte ich früher wahrscheinlich bei vielen Ausgaben gegrübelt und den Urlaub im Nachhinein teilweise entwertet. Dieses Mal versuche ich bewusster zu akzeptieren, dass wir uns diese Zeit leisten können und dass ein schöner gemeinsamer Urlaub Geld kosten darf.

Dabei geht es nicht um die Vorstellung, dass jeder ausgegebene Euro auf magische Weise zurückkommt. Ich möchte vielmehr darauf vertrauen, dass ich auch zukünftig in der Lage sein werde, Geld zu verdienen. Vielleicht irgendwann zunehmend durch den Kurs, meine Fotografie, ein Buch oder andere Dinge, die aus Framed Freedom entstehen.

Sicherheit muss für mich nicht mehr ausschließlich bedeuten, möglichst viel festzuhalten. Sie kann auch aus dem Vertrauen entstehen, nach einer Ausgabe wieder etwas aufbauen zu können.

Nach dem Aufbau soll die Sichtbarkeit beginnen

Das erste Jahr hat nicht mit einem großen Durchbruch geendet. Es endete mit einer professionelleren Website, einem veröffentlichten Kurs, einer klareren Geschichte und 54 Reflexionen, in denen ich meinen Weg festgehalten habe, obwohl mir kaum jemand bestätigt hat, dass sich diese Arbeit lohnt.

Von innen fühlte sich das häufig klein an, weil jede Woche nur ein weiterer Text, eine weitere Entscheidung oder ein weiteres Bild hinzukam. Im Rückblick erkenne ich jedoch, dass daraus längst mehr als eine lose Idee geworden ist.

Nach dem Urlaub wünsche ich mir deshalb eine Verschiebung. Die Aufbauphase muss nicht vollständig abgeschlossen sein, aber sie soll nicht länger die Voraussetzung dafür bleiben, mich zu zeigen. Der kostenlose Guide und das Bildstil-Tool dürfen weiterentwickelt werden. Trotzdem ist bereits genug vorhanden, um den Fokus stärker auf Sichtbarkeit zu legen.

Ich kann nicht steuern, wann daraus Reichweite, Verkäufe oder neue Möglichkeiten entstehen. Ich kann aber aufhören, immer noch etwas fertigstellen zu wollen, bevor ich konsequent nach außen gehe.

Vor einem Jahr habe ich in Bibione entschieden, meinen Weg zu dokumentieren. Heute bin ich noch nicht dort, wo ich hinmöchte. Aber ich habe ein Jahr lang bewiesen, dass diese Entscheidung mehr war als eine vorübergehende Urlaubsidee.

Äußerlich habe ich mein neues Leben noch nicht erreicht. Innerlich bin ich jedoch längst nicht mehr der Mensch, der damals über den Campingplatz lief und nicht wusste, ob er nach wenigen Monaten wieder aufhören würde.

Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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