Wochenreflexion #55/ KW 33 2026 – Die Grenzen, die mir Freiheit geben

Die Grenzen, die mir Freiheit geben

Wochenreflexion 55 – KW33
Vom IT-Direktor zum Fotograf

In dieser Woche habe ich gemerkt, dass Freiheit für mich nicht bedeutet, alles an mich heranzulassen und anschließend irgendwie damit umgehen zu müssen. Oft entsteht Freiheit erst dadurch, dass ich vorher eine Grenze ziehe und bewusst entscheide, welche Informationen, Erwartungen und Eindrücke mich überhaupt erreichen dürfen.

Das zeigte sich in dieser Woche in drei sehr unterschiedlichen Situationen: bei meiner Erreichbarkeit für die Arbeit, bei der Nutzung von Instagram und sogar bei meiner Art, Bilder zu bearbeiten. Jedes Mal bemerkte ich zunächst, dass etwas auf mich wirkte, mich unruhig machte oder meine Wahrnehmung überlagerte. Die hilfreiche Konsequenz bestand nicht darin, mich noch besser dagegen abzuhärten, sondern einen klareren Rahmen zu schaffen.

Ein Notfallkanal statt ständiger Erreichbarkeit

Während des Urlaubs erhielt ich zwei WhatsApp-Anrufe wegen eines Projekts. Es ist das größte Projekt im Unternehmen, der Go-live ist für Oktober geplant und deshalb hatte ich bewusst entschieden, dass mich ein Mitarbeiter in einer wirklich kritischen Situation anrufen darf.

Das bedeutet für mich jedoch nicht, dass ich während des Urlaubs generell erreichbar sein muss. Ich öffne weder Outlook noch die Teams-App und lese keine Projektupdates. Denn sobald ich damit anfange, begegnen mir nicht nur die wirklich wichtigen Themen. Ich sehe automatisch weitere Nachrichten, offene Fragen und mögliche Probleme, über die ich anschließend nachdenke, obwohl ich sie in diesem Moment weder lösen kann noch lösen möchte.

Meine Grenze verläuft deshalb sehr konkret: Ein Anruf über den vereinbarten Kanal ist in einem Notfall in Ordnung. Alles andere bleibt bis nach dem Urlaub geschlossen. So muss ich nicht selbst regelmäßig kontrollieren, ob irgendwo etwas passiert ist. Wenn meine Unterstützung tatsächlich notwendig ist, kann mich der Mitarbeiter erreichen.

Diese Grenze nimmt mir nicht meine Verantwortung. Sie verhindert lediglich, dass ich mich während des Urlaubs durchgehend mit dem Projekt beschäftige, nur weil die Informationen jederzeit verfügbar wären.

Wenn Instagram einen Moment nachträglich verändert

Eine andere Form von Grenze wurde mir durch die Sonnenfinsternis bewusst. In Ericeira war sie nur partiell zu sehen. Das war für mich zunächst kein Problem und ich hatte nicht das Gefühl, etwas Entscheidendes verpasst zu haben.

Erst als ich später Instagram öffnete und die spektakulären Bilder der totalen Sonnenfinsternis aus anderen Regionen sah, veränderte sich meine Bewertung. Plötzlich entstand das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. An meinem tatsächlichen Erlebnis hatte sich nichts verändert. Trotzdem fühlte es sich durch den Vergleich nachträglich weniger besonders an.

Ich kann nicht verhindern, dass solche Bilder etwas in mir auslösen. Ich kann aber beeinflussen, wann und wie viel Raum ich Instagram gebe. Eine meiner klarsten Grenzen ist deshalb, die App am Abend nicht mehr zu öffnen. Zu dieser Zeit möchte ich mein Nervensystem nicht noch mit Bildern, Nachrichten, Vergleichen oder neuen Gedanken belasten, die mich anschließend bis ins Bett begleiten.

Das bedeutet nicht, dass ich Instagram grundsätzlich ablehne. Die Plattform ist für meine eigene Sichtbarkeit wichtig und ich möchte dort meine Bilder und Gedanken veröffentlichen. Aber ich muss deshalb nicht jederzeit für alles offen sein, was mir dort begegnet. Ich kann selbst festlegen, wann ich die App nutze und wann sie keinen Zugang mehr zu meinem Abend bekommt.

Schwarz-Weiß als bewusste Begrenzung

Selbst bei der Bildbearbeitung hilft mir inzwischen eine klare Begrenzung. Ich beginne meine Bearbeitung häufig in Schwarz-Weiß und nehme damit zunächst alle Farben aus dem Bild.

Das mache ich nicht, weil das fertige Foto zwangsläufig schwarz-weiß bleiben soll. Die Reduzierung hilft mir dabei, klarer zu erkennen, was das Bild eigentlich trägt. Ohne die Farben sehe ich deutlicher, wie das Licht fällt, welche Bereiche zu hell oder zu dunkel sind, wie die Kontraste wirken und wohin mein Blick geführt wird.

Würde ich direkt versuchen, gleichzeitig Licht, Kontraste, einzelne Farbtöne, Farbharmonien und die gesamte Stimmung zu beurteilen, würde mich die Menge der Informationen eher verwirren. Durch Schwarz-Weiß setze ich meiner Wahrnehmung zunächst einen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann ich leichter entscheiden, was wirklich wichtig ist. Erst wenn diese Grundlage stimmt, füge ich die Farbe wieder hinzu und beschäftige mich gezielt mit ihrer Wirkung.

Die Begrenzung nimmt mir also keine kreative Freiheit. Sie schafft zunächst die Klarheit, die ich brauche, um diese Freiheit sinnvoll nutzen zu können.

Nicht alles muss mich jederzeit erreichen

Im Rückblick verbindet diese Situationen mehr, als ich zunächst gedacht hätte. Bei der Arbeit begrenze ich meine Erreichbarkeit auf einen klaren Notfallkanal. Bei Instagram entscheide ich, dass die App am Abend geschlossen bleibt. Bei der Bildbearbeitung entferne ich zunächst die Farben, damit nicht zu viele Eindrücke gleichzeitig auf mich wirken.

In allen drei Fällen habe ich bemerkt, dass etwas mich beschäftigt, unruhig macht oder meine Wahrnehmung überlagert. Meine Antwort darauf ist nicht, noch belastbarer zu werden und trotzdem alles an mich heranzulassen. Ich setze eine Grenze.

Genau darin wird Framed Freedom für mich in dieser Woche sehr konkret. Die Ränder meines Rahmens sind die Grenzen, die ich selbst festlege. Sie bestimmen, was mich innerhalb dieses Rahmens erreichen kann und was zunächst draußen bleibt.

Innerhalb dieses Rahmens habe ich weiterhin Freiheit. Ich kann mich um das Projekt kümmern, wenn tatsächlich ein Notfall eintritt. Ich kann Instagram nutzen, wenn ich mich bewusst dafür entscheide. Und ich kann mit Farben arbeiten, sobald ich verstanden habe, welche Wirkung mein Bild braucht. Ich muss nur nicht alles gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten, bloß weil es theoretisch möglich wäre.

Diese Grenzen machen mein Leben nicht kleiner. Sie sorgen dafür, dass nicht alles von außen jederzeit Einfluss auf mich nehmen kann. Vielleicht brauche ich deshalb nicht immer mehr Disziplin, Kontrolle oder Belastbarkeit. Manchmal brauche ich einfach einen klareren Rahmen, in dem ich wieder selbst entscheiden kann, was meine Aufmerksamkeit verdient.

Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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