Wochenreflexion #64 KW42 – Als der Druck abgefallen ist

Monatelang hatten wir die Umstellung eines zentralen Unternehmenssystems vorbereitet, in dem die wichtigsten Geschäftsprozesse zusammenlaufen. Am Sonntag durfte ich endlich die Nachricht verschicken, dass es nach der Umstellung wieder verfügbar ist. In dem Moment kamen mir die Tränen. Ich hatte mich in den Wochen davor erstaunlich ruhig gefühlt, aber offenbar war da doch viel mehr Druck, als ich wahrhaben wollte. Plötzlich war klar: Wir sind live. Mein Team und ich haben eine der größten beruflichen Aufgaben, die ich bisher begleitet habe, gemeinsam geschafft.

Natürlich ist damit noch nicht jedes Ticket erledigt. Ob im laufenden Betrieb alles stabil bleibt, werden die nächsten Tage zeigen. Aber der entscheidende Schritt ist geschafft, und bisher läuft es überraschend gut. Ich bin einfach verdammt stolz darauf.

Ruhig sein und trotzdem Druck spüren

Am Freitagmorgen stand ich gegen halb acht am Neckar. Über Mannheim leuchtete der Himmel orange und rosa, und die Farben spiegelten sich im Wasser. Ich hatte meine Kamera dabei und war unglaublich dankbar, dass ich mir diesen Moment nehmen konnte. Gleichzeitig begann an diesem Tag die heiße Phase der Systemumstellung.

Seit meinem Urlaub im August habe ich oft das Gefühl, gelassener zu sein als früher. Ich achte stärker auf meine Morgen- und Abendroutine, trainiere regelmäßig und lasse mich bei der Arbeit nicht mehr von jeder offenen Frage sofort aus der Ruhe bringen. Ich glaube, dass mir das hilft. Gerade in dieser Woche habe ich aber gemerkt, dass Gelassenheit nicht bedeutet, keine Belastung zu haben.

Am Samstagabend wurde es noch einmal hektisch. Ich war bis tief in die Nacht erreichbar und fuhr am Sonntagmorgen wieder ins Büro. Hinter der vergleichsweise ruhigen Art, mit der ich durch die Woche gegangen bin, steckte eben auch das Wissen, dass am Montag sehr viele Menschen mit diesem System arbeiten müssen. Erst bei der Freigabe am Sonntagabend habe ich gespürt, wie schwer diese Verantwortung in den letzten Wochen gewesen war.

Was mein Team möglich gemacht hat

Besonders bewegt mich, wie mein Team zusammengearbeitet hat. Ein Mitarbeiter hat in den vergangenen Monaten eine beeindruckende Entwicklung gemacht und bei der Umsetzung sehr viel Verantwortung getragen. Ohne seine Leistung wäre dieser Go-live in dieser Form nicht möglich gewesen.

Ich freue mich darüber auch aus meiner Rolle als Führungskraft. Mir war wichtig, klar zu sagen, was ich erwarte, und Verantwortung dann wirklich abzugeben. Als er gezeigt hat, dass er sie tragen kann, habe ich mich weiter zurückgenommen und ihm den Raum gelassen. Er hat ihn genutzt und sich diese Entwicklung selbst erarbeitet.

Das lässt mich noch einmal anders auf Führung schauen. Ich kann Erwartungen formulieren, Feedback geben und Gelegenheiten schaffen. Ich kann aber nicht erzwingen, dass jemand den nächsten Schritt macht. Umso schöner ist es, wenn die Bereitschaft da ist und man irgendwann sieht, was daraus geworden ist. Auf seine Leistung bin ich gerade mindestens so stolz wie auf meine eigene.

Auch mein anderer Weg geht weiter

Neben diesem beruflichen Höhepunkt gab es bei meiner Fotografie auch Frust. Aus meinen Hotelanfragen ist bisher keine Zusammenarbeit entstanden. Besonders das Telefonat mit einer Ansprechpartnerin hat mich beschäftigt. Ich hatte danach wie besprochen meine Galerien noch einmal geschickt und bekam keine Antwort mehr. Das war enttäuschend, gerade weil das Gespräch zunächst nach einem guten Austausch klang.

Gleichzeitig hatte sie mir einen Hinweis gegeben, der bei mir hängen geblieben ist: Für ein Familienhotel könnten meine Bilder heller und freundlicher sein. Ich habe daraufhin viele ältere Fotos neu bearbeitet und war bei manchen überrascht, wie viele Details plötzlich wieder zu sehen sind. Die ruhigere, dunklere Bildwirkung mag ich weiterhin. Aber die neuen Bilder passen im Moment besser zu dem, wie ich mich selbst zeigen möchte: ruhig, aber auch offen und lebendig. Ich bin für diesen Impuls dankbar und finde es trotzdem schade, wie der Kontakt danach verlaufen ist.

Die ausbleibenden Kooperationen haben auch die finanzielle Seite wieder hochgeholt. Reisen kosten Geld, und als Familie können wir nicht jede Idee einfach umsetzen. Manchmal frage ich mich, ob ich eine Hotelkooperation gerade vor allem deshalb möchte, weil sie einen Urlaub bezahlbarer machen würde. Denn wenn ich mir die Arbeit vorstelle, die mich langfristig wirklich begeistert, denke ich eher daran, Orte und Landschaften zu erkunden und darüber zu erzählen. Das ist noch keine endgültige Entscheidung gegen Hotels, aber eine wichtige Unterscheidung für mich.

Ein Freund, der mich auf Instagram wiedergefunden hat, sagte mir diese Woche, dass er versteht, was ich dort aufbaue: eine Personenmarke. Er hatte sich einige meiner Videos angesehen und fand sie authentisch. Das hat mich gefreut. Mein Ziel ist schon länger, irgendwann selbstständig zu leben und andere mit meinen Erfahrungen auf ihrem eigenen Weg zu inspirieren. Die Fotografie ist dabei ein wichtiger Teil von mir und ein Medium, durch das ich Menschen erreiche. Deshalb möchte ich neben den Vorher-Nachher-Bildern auch weiterhin meine Gedanken teilen und mich in den Videos selbst zeigen.

Parallel dazu haben wir an meinem Coachingkonzept weitergearbeitet. Eine Frage dabei ist, wie ich aus meinen eigenen Erfahrungen etwas mache, das auch anderen in ihrem Alltag hilft. Bei den Reflexionsvideos und Carousels übe ich gerade, einen Gedanken klarer auszusprechen: Was ist die konkrete Situation, in der jemand steckt, und was kann er oder sie daraus für sich mitnehmen? Das Konzept ist noch im Entstehen. Aber ich merke, dass ich mich damit nicht erst irgendwann beschäftige, wenn mein Weg in die Selbstständigkeit geschafft ist. Ich arbeite schon jetzt daran, meine Erfahrungen verständlich weiterzugeben.

Die Vorher-Nachher-Reels bringen gerade langsam neue Menschen auf mein Profil. Ob die Reflexionsvideos ebenfalls mehr Leute erreichen werden, weiß ich nicht. Aber ich habe in dieser Woche zum ersten Mal wieder Reaktionen darauf gesehen, die mich ermutigen weiterzumachen. Für mich ist das im Moment Grund genug.

Der Morgen danach

Als ich am Sonntagabend nach Hause kam, habe ich mich besonders gefreut, meine Tochter wiederzusehen und sie ins Bett zu bringen. Nach diesem Wochenende wollte ich einfach bei meiner Frau und ihr sein. Mir war vorher schon klar, wie wichtig mir die beiden sind. An diesem Abend habe ich es noch einmal stärker gespürt.

Am Montagmorgen sah der Himmel wieder nach einem schönen Sonnenaufgang aus. Ich hätte meine Kamera nehmen und losziehen können. Stattdessen habe ich den Morgen ruhig angehen lassen und meine Tochter in den Kindergarten gebracht. Der Sonnenaufgang vom Freitag ist für mich ohnehin mit dem Beginn dieses besonderen Wochenendes verbunden. Heute musste kein weiterer dazukommen.

Vielleicht ist das etwas, das ich aus dieser Woche mitnehme: Ich darf mich über das freuen, was wir beruflich geschafft haben, und gleichzeitig wahrnehmen, wie erschöpft ich jetzt bin. Ich darf stolz auf mein Team sein und auf meinen eigenen Anteil daran. Und ich muss nicht jeden schönen Moment festhalten, wenn ich gerade lieber zu Hause ankommen möchte.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
Weiter
Weiter

Wochenreflexion #63 KW41 – Heller werden, ohne meinen Stil zu verlieren