Wochenreflexion #46/ KW 24 2026 – Was ich über Verantwortung gelernt habe

Vor einem Jahr habe ich begonnen, jede Woche eine Reflexion als Teil meines Manifests zu schreiben. Damals hatte ich keinen konkreten Plan, außer dem Wunsch, mich selbst besser zu verstehen und meine Reise zum Fotografen zu dokumentieren. Ich wollte herausfinden, warum mich manche Situationen so lange beschäftigen, warum ich manchmal schlecht abschalten kann und weshalb mich einige Entscheidungen deutlich mehr Energie kosten als andere. Ich war überzeugt davon, dass die größten Erkenntnisse wahrscheinlich irgendwo im Urlaub entstehen würden – mit Abstand zum Alltag und genügend Zeit zum Nachdenken.

Interessanterweise passierte dieses Mal genau das Gegenteil. Die eigentliche Klarheit kam nicht am Meer oder beim Fotografieren, sondern drei Tage nach meiner Rückkehr ins Büro.

Verantwortung beginnt oft lange vor der eigentlichen Aufgabe

In den vergangenen Wochen war ich wieder intensiv in mehrere große Transformationsprojekte eingebunden. Dabei fiel mir etwas auf, das wahrscheinlich schon viele Jahre Teil meiner Persönlichkeit ist, mir aber erst jetzt wirklich bewusst wurde. Immer dann, wenn ich organisatorische Lücken sehe oder das Gefühl habe, dass Themen nicht zusammenlaufen, beginne ich automatisch Verantwortung zu übernehmen. Ich bereite Präsentationen vor, bringe unterschiedliche Bereiche zusammen, moderiere Gespräche, erkläre Zusammenhänge und versuche dafür zu sorgen, dass Projekte weiter vorankommen. Nicht unbedingt, weil diese Aufgaben offiziell bei mir liegen, sondern weil ich das Gefühl habe, dass sie sonst vielleicht niemand übernimmt.

Lange Zeit hielt ich genau das für eine meiner größten Stärken. Heute glaube ich, dass beides gleichzeitig wahr ist. Ja, diese Eigenschaft hat mir viele Möglichkeiten eröffnet und mir über die Jahre Vertrauen eingebracht. Gleichzeitig kostet sie unglaublich viel Energie, weil Verantwortung für mich eben nicht mit dem Ende eines Meetings oder dem Feierabend endet.

Verantwortung endet nicht mit Feierabend

Mir ist aufgefallen, dass ich große Entscheidungen oft noch tagelang mit mir herumtrage. Risiken beschäftigen mich auch dann noch, wenn ich längst zu Hause bin, und ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich im Kopf bereits Monate vorausdenke. Ich überlege, welche Konsequenzen heutige Entscheidungen später haben könnten, welche Konflikte daraus entstehen und wie man sie vielleicht schon heute verhindern könnte.

Von außen betrachtet wirkt das wahrscheinlich wie Weitsicht. Von innen fühlt es sich häufig eher nach Anspannung an. Irgendwann wurde mir klar, dass mich gar nicht die Projekte selbst erschöpfen. Es ist vielmehr die Tatsache, dass ich Verantwortung gedanklich immer weitertrage, obwohl die eigentlichen Entscheidungen längst von anderen getroffen wurden.

Verantwortung und Verantwortungsgefühl sind nicht dasselbe

Die wichtigste Erkenntnis dieser Wochen war wahrscheinlich genau dieser Unterschied. Verantwortung bedeutet, den eigenen Beitrag bestmöglich zu leisten. Verantwortungsgefühl bedeutet dagegen oft, auch die Folgen von Entscheidungen anderer Menschen innerlich mitzutragen.

Ich habe lange geglaubt, dass ich jedes Risiko, das ich erkenne, auch verhindern müsse. Heute sehe ich das anders. Natürlich kann ich Risiken benennen, meine Einschätzung teilen und Vorschläge machen. Aber irgendwann treffen andere Menschen ihre Entscheidungen. In dem Moment gehören auch die Konsequenzen zu diesen Entscheidungen und nicht mehr zu meiner eigenen Verantwortung.

Diese Unterscheidung klingt zunächst selbstverständlich. Für mich war sie es erstaunlich lange nicht.

Freiheit beginnt manchmal im Kopf

Während dieser Zeit spielte ich immer wieder mit dem Gedanken, meine berufliche Rolle grundlegend zu verändern. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir jedoch, dass ich diese Entscheidung gar nicht sofort treffen muss. Allein die Erkenntnis, dass ich Optionen habe, hat bereits enorm viel Druck genommen.

Vielleicht verändert sich meine Rolle irgendwann. Vielleicht übernehme ich später einmal weniger Führungsverantwortung oder arbeite in einer anderen Funktion. Vielleicht entwickelt sich meine Fotografie schneller als gedacht und eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Das Entscheidende ist aber, dass ich all das heute noch gar nicht wissen muss. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht mehr das Gefühl, in einer Sackgasse zu stehen, sondern zu erkennen, dass mehrere Wege möglich sind.

Ich habe vergessen, wofür ich dankbar sein kann

Interessanterweise hatte ich in den letzten Wochen fast ausschließlich auf die Belastungen geschaut. Erst als ich einen Schritt zurücktrat, wurde mir bewusst, wie viele Freiheiten ich mir über die vergangenen Jahre eigentlich erarbeitet habe. Ich kann flexibel arbeiten, Zeit mit meiner Familie verbringen, regelmäßig Sport machen und gleichzeitig Schritt für Schritt meinen Blog, meinen Lightroom-Kurs und meine Fotografie weiterentwickeln.

Diese Freiheiten sind nicht selbstverständlich. Sie sind das Ergebnis vieler Jahre Arbeit und genau deshalb verdienen sie genauso viel Aufmerksamkeit wie die Dinge, die mich belasten. Vielleicht ist das eine Gewohnheit, die ich künftig wieder stärker pflegen möchte: Mich regelmäßig daran zu erinnern, was bereits gut ist, anstatt ausschließlich auf das zu schauen, was noch besser werden könnte.

Die größte Veränderung fand gar nicht im Unternehmen statt

Von außen betrachtet hat sich in den vergangenen Wochen eigentlich kaum etwas verändert. Ich habe denselben Job, dieselben Projekte und dieselben Herausforderungen wie zuvor. Die eigentliche Veränderung fand ausschließlich in meinem Kopf statt.

Früher war mein erster Gedanke häufig: Wie lösen wir dieses Problem? Heute frage ich mich deutlich öfter: Ist es überhaupt meine Aufgabe, dieses Problem zu lösen? Allein dieser kleine Perspektivwechsel verändert erstaunlich viel. Er macht mich nicht weniger engagiert, sondern hilft mir dabei, Verantwortung dort zu lassen, wo sie tatsächlich hingehört.

Vielleicht ist genau das Freiheit

Als ich vor einem Jahr mein Manifest geschrieben habe, dachte ich, Freiheit würde vor allem bedeuten, irgendwann den richtigen Beruf gefunden zu haben. Heute glaube ich, dass Freiheit viel früher beginnt. Sie beginnt in dem Moment, in dem man versteht, dass man nicht alles kontrollieren muss, nicht jede Entscheidung absichern kann und nicht jede Last anderer Menschen mittragen sollte.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Wochen. Nicht, dass ich meinen gesamten Weg bereits kenne, sondern dass ich ihm inzwischen vertraue. Und vielleicht fühlt sich genau deshalb zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr alles wie ein Kampf an, sondern wie eine Entwicklung. Nicht, weil die Herausforderungen kleiner geworden sind, sondern weil ich langsam lerne, welche davon wirklich zu mir gehören – und welche ich guten Gewissens dort lassen darf, wo sie entstanden sind.. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch.

https://www.florian-kirschbaum.com
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