Wochenreflexion #45/ KW 23 2026 – Nicht jeder schöne Moment muss Content werden
Diese Woche in Portugal hat mich auf eine andere Art beschäftigt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Als wir die Reise geplant haben, hatte ich natürlich Bilder im Kopf: Surfer im Morgenlicht, Wellen an der Küste, Drohnenaufnahmen über dem Atlantik und vielleicht den einen oder anderen besonderen Sonnenaufgang. Schließlich sind genau diese Motive einer der Gründe, warum ich immer wieder gerne an die portugiesische Küste zurückkehre.
Die Realität sah zunächst etwas anders aus. Mehrere Morgen hintereinander waren grau, bewölkt oder schlicht unspektakulär. An einem Morgen stand ich früh auf, wollte zur Praia de São Julião fahren, schaute aus dem Fenster, sah nur graue Wolken und legte mich wieder ins Bett. Im ersten Moment war da natürlich Enttäuschung. Schließlich ist Urlaub begrenzt und ein Teil von mir dachte sofort darüber nach, welche fotografischen Möglichkeiten dadurch verloren gehen könnten. Je länger die Woche dauerte, desto mehr bemerkte ich jedoch, dass hinter dieser Enttäuschung eigentlich etwas anderes steckte. Es ging gar nicht so sehr um den verpassten Sonnenaufgang. Es ging um die Sorge, möglicherweise Content zu verpassen, der mich fotografisch weiterbringen könnte. Die Frage lautete unterschwellig nicht: „Verpasse ich ein schönes Erlebnis?“, sondern eher: „Verpasse ich die Bilder, die mich bekannter machen könnten?“
Genau dieser Gedanke brachte mich zum Nachdenken. Interessanterweise führte er mich zurück zu einer Erkenntnis, die ich eigentlich schon mehrfach hatte. Viele meiner Lieblingsbilder stammen gar nicht von spektakulären Reisen. Einige entstanden in Mannheim, Heidelberg oder an Orten, die für Außenstehende wahrscheinlich völlig unspektakulär wirken würden. Sie funktionieren nicht wegen des Ortes. Sie funktionieren wegen der Stimmung, des Lichts und der Geschichte, die sie erzählen. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, zu glauben, dass der nächste besondere Ort automatisch auch die nächste große fotografische Chance sein müsste. Dabei wurde mir in dieser Woche klar, dass selbst fünf perfekte Sonnenaufgänge vermutlich nicht grundlegend verändert hätten, wer ich als Fotograf bin. Sie hätten vielleicht ein paar weitere Bilder geliefert. Mehr nicht.
Warum wir oft glauben, Chancen zu verpassen
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich in den letzten Jahren häufig zwei Dinge miteinander vermischt habe: schöne Erlebnisse und fotografische Chancen. Sobald ich an einem besonderen Ort bin, entsteht schnell das Gefühl, jede Möglichkeit nutzen zu müssen. Gerade im Urlaub ist das besonders präsent, weil die Zeit begrenzt ist. Man denkt automatisch, dass genau jetzt die Bilder entstehen müssten, die später den Unterschied machen.
Dabei spricht meine eigene Erfahrung eigentlich dagegen. Wenn ich an die Bilder denke, die mir persönlich am meisten bedeuten, dann sind es oft nicht die spektakulärsten Orte gewesen. Es waren einzelne Morgen in Heidelberg, Nebel über Mannheim oder ruhige Landschaften in Holland. Rückblickend erinnere ich mich nicht an die Menge der Fotos, sondern an die Momente, in denen sie entstanden sind. Vielleicht überschätze ich manchmal den Wert besonderer Orte und unterschätze gleichzeitig den Wert der eigenen Perspektive.
Der graue Morgen, an den ich mich erinnern werde
Einige Tage später bin ich dann doch trotz des bedeckten Himmels zur Praia de São Julião gefahren. Nicht, weil ich große fotografische Erwartungen hatte, sondern weil mein Kopf ohnehin nicht mehr zur Ruhe kam. Ich war früh wach, lag im Bett und merkte, dass sich meine Gedanken immer weiter drehten. Also bin ich einfach los.
Der Strand war zunächst komplett leer. Später kamen einige Surfschulen und Anfängergruppen dazu. Ich probierte ein wenig mit meiner DJI Osmo Action herum, beobachtete die Wellen und lief am Strand entlang. Es entstand kein spektakuläres Bild, es gab kein besonderes Licht und trotzdem war dieser Morgen unglaublich wertvoll. Nicht wegen des fotografischen Ergebnisses, sondern weil er mir gezeigt hat, dass ein Morgen nicht erst dann gelungen ist, wenn daraus Content entsteht.
Interessanterweise führte mich genau dieser Morgen zu einer weiteren Erkenntnis. Ich begann darüber nachzudenken, wie mein perfekter Alltag eigentlich aussehen würde. Nicht irgendwann als Fotograf, nicht in einem hypothetischen Leben am Meer, sondern ganz konkret zuhause. Dabei wurde mir klar, dass mir an diesem Morgen vor allem die Kombination aus Bewegung, Natur und Ruhe gutgetan hatte. Vielleicht brauche ich morgens gar keine komplizierten Routinen oder Produktivitätssysteme. Vielleicht wäre ein Teil meines idealen Morgens einfach eine kleine Runde Joggen am See, bevor der Arbeitstag beginnt. Nicht als Trainingsprogramm, sondern als bewusster Moment für mich selbst.
Was Selbstliebe vielleicht wirklich bedeutet
In diesem Zusammenhang habe ich mich diese Woche auch stärker mit dem Thema Selbstliebe beschäftigt. Lange dachte ich dabei an große Veränderungen oder besondere Methoden. Tatsächlich blieb am Ende etwas viel Einfacheres hängen. Zum einen die Frage: „Was würde ich einem guten Freund in dieser Situation sagen?“ Und zum anderen eine noch simplere Frage: „Was brauche ich gerade, um lächeln zu können?“
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau darin für mich etwas Wichtiges steckt. Ich neige oft dazu, darüber nachzudenken, was ich noch erreichen, verbessern oder optimieren könnte. Die Frage nach dem Lächeln lenkt den Blick dagegen auf den aktuellen Moment. Manchmal ist die Antwort erstaunlich klein: ein Spaziergang, ein Kaffee, ein Morgen am Meer oder einfach etwas mehr Schlaf. Vielleicht beginnt Selbstliebe nicht damit, sich ständig gut zu fühlen, sondern damit, sich selbst dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen, die man anderen Menschen ganz selbstverständlich schenken würde.
Nicht jedes Interesse muss ein neues Projekt werden
Ein besonders amüsanter Gedanke dieser Woche entstand, als ich mehrere Surfschulen am Strand beobachtete. Wie so oft begann mein Kopf sofort, das nächste Projekt zu planen. Plötzlich fragte ich mich, ob ich vielleicht surfen lernen sollte. Je länger ich darüber nachdachte, desto absurder wurde die Idee eigentlich. Ich war schließlich nach Portugal gereist, weil ich gerne Surfer und Wellen fotografiere. Nicht, weil ich unbedingt Surfer werden wollte.
Mir wurde bewusst, wie oft dieser Mechanismus bei mir auftaucht. Ich finde etwas interessant, bewundere Menschen, die etwas können, und kurze Zeit später entsteht daraus die Idee, es selbst lernen zu müssen. Dabei darf man Dinge manchmal auch einfach schön finden. Ich kann Surfer fotografieren, ohne Surfer zu sein. Genauso wie ich Berge fotografieren kann, ohne Bergführer werden zu müssen. Als dieser Vergleich einmal ausgesprochen war, musste ich selbst lachen, weil er die Situation perfekt beschreibt.
Vielleicht steckt auch darin eine Form von Freiheit. Nicht alles, was mich fasziniert, muss automatisch Teil meiner Identität werden. Manche Dinge dürfen einfach inspirieren.
Die Kamera bewusst zuhause lassen
Gegen Ende der Woche verbrachten wir einen Tag an der Praia do Meco. Die Wellen waren beeindruckend und fotografisch durchaus interessant. Natürlich gab es einen kurzen Moment, in dem ich dachte, dass ein Teleobjektiv jetzt spannend gewesen wäre. Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass ich die Kamera bewusst zuhause gelassen hatte.
Früher hätte ich wahrscheinlich den ganzen Nachmittag darüber nachgedacht, was für Bilder möglich gewesen wären. Diesmal war das anders. Natürlich hätte man fotografieren können. Vielleicht wären sogar gute Bilder entstanden. Trotzdem fühlte sich die Entscheidung richtig an. Meine Fotografie lebt nicht von der Angst, etwas zu verpassen. Sie lebt von Ruhe, Atmosphäre und bewussten Entscheidungen. Die Kamera zuhause zu lassen bedeutete nicht, auf Fotografie zu verzichten. Es bedeutete, den Tag als Familienzeit zu erleben und vollständig präsent zu sein.
Rückblickend bin ich darauf tatsächlich ein wenig stolz. Nicht, weil es grundsätzlich besser ist, die Kamera zuhause zu lassen, sondern weil es eine bewusste Entscheidung war. Genau darum geht es für mich inzwischen immer häufiger: nicht auf jeden Impuls reagieren zu müssen.
Fazit der Woche
Wenn ich auf diese Woche zurückblicke, dann war sie weniger eine fotografische Woche als eine Woche der Perspektivwechsel. Ich habe gelernt, dass nicht jeder Sonnenaufgang genutzt werden muss. Dass nicht jedes Interesse zu einem neuen Projekt werden muss. Dass nicht jede Reise nach maximalem Output bewertet werden muss. Vor allem aber habe ich gelernt, dass die schönsten Erinnerungen oft nicht aus den Bildern entstehen, die wir mit nach Hause bringen, sondern aus den Momenten, die wir wirklich erlebt haben.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Freiheit, nach der ich in den letzten Jahren gesucht habe. Nicht jeder schöne Moment muss Content werden. Manche Momente dürfen einfach erlebt werden. Und interessanterweise sind es oft genau diese Momente, an die man sich später am stärksten erinnert. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.