Wochenreflexion #62 KW40 – Warum Zufriedenheit mich nicht vom Ziel entfernt

In der vergangenen Woche hatte ich mich noch intensiv mit der Frage beschäftigt, ob ich mich zu sehr in meinem heutigen Leben einrichte. Wenn mir mein Beruf wieder mehr Spaß macht und ich mit meinem Alltag zufrieden bin, verliere ich dann irgendwann meine kreative Vision aus den Augen? Diese Woche hat mir darauf keine theoretische Antwort gegeben. Sie hat mir vielmehr im Alltag gezeigt, dass gerade das Gegenteil passieren kann.

Obwohl ich beruflich mitten in einer anspruchsvollen Phase stecke, ging es mir in den vergangenen Tagen erstaunlich gut. Meine Morgenroutine funktioniert, der Sport gibt mir einen stabilen Rahmen und auch am Abend gelingt es mir häufiger, bewusst zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig war ich kreativ so aktiv wie lange nicht mehr. Ich habe fotografiert, Videos produziert, technische Dinge ausprobiert, meine Bildsprache weiterentwickelt und eine Resonanz auf meine Inhalte erlebt, über die ich mich wirklich freuen konnte.

Vielleicht muss ich mit meinem heutigen Leben gar nicht unzufrieden sein, um mich weiterzuentwickeln. Vielleicht ist Zufriedenheit nicht das Ende von Bewegung, sondern kann genau der Zustand sein, aus dem eine gesündere Form von Bewegung entsteht.

Weniger im Kopf, mehr im Tun

Der deutlichste Unterschied zur vergangenen Woche war, dass ich weniger in meinen Gedanken festhing und wieder mehr gemacht habe. Die Fragen und Zweifel der letzten Tage waren dadurch nicht falsch oder vollständig verschwunden. Aber ich hatte nicht mehr das Gefühl, auf jede offene Frage sofort eine Antwort finden zu müssen.

Ein sichtbares Ergebnis davon war mein Vorher-Nachher-Reel auf Instagram. Es erreichte ungefähr 4.600 Aufrufe, wurde mehr als 60-mal gespeichert, mehrfach geteilt und brachte mir rund 20 neue Follower. Für einen kleinen Account ist das ein Ergebnis, über das ich mich wirklich freue. Besonders die Speicherungen und Weiterleitungen bedeuten mir etwas, weil sie zeigen, dass Menschen den Beitrag nicht nur kurz angesehen haben. Offenbar war darin etwas, das sie behalten oder mit anderen teilen wollten.

Der Erfolg kam aber nicht aus dem Nichts. Über drei oder vier Reels hinweg bin ich bei demselben Format geblieben. Ich habe beobachtet, welche Elemente funktionieren, einzelne Dinge angepasst und das nächste Video wieder etwas besser gemacht. Diese Woche konnte ich zum ersten Mal deutlicher sehen, was daraus entstehen kann, wenn ich nicht nach jedem Versuch die Richtung ändere, sondern einem Format genug Zeit gebe, um daraus zu lernen.

Das heißt nicht, dass nun jedes weitere Reel dieselben Zahlen erreichen wird. Es bedeutet auch nicht, dass ich jetzt die nächste große Instagram-Strategie gefunden habe. Aber es ist ein konkretes Signal: Auch mit einem kleinen Account kann etwas entstehen, wenn ich lange genug bei einer Idee bleibe und sie Schritt für Schritt verbessere.

Parallel dazu habe ich mich viel mit der technischen Seite meiner Videos beschäftigt. Ich habe mit dem Talking-Head-Aufbau, dem Bildausschnitt, verschiedenen Mikrofonen und den Kameraeinstellungen experimentiert. Nicht alles hat sofort funktioniert. Teilweise saß der ND-Filter fest, teilweise ließ sich ein Mikrofon nicht verbinden und an einem anderen Tag fehlte genau das Kabel, das ich gebraucht hätte. Trotzdem fühle ich mich nicht so, als hätte mich das aufgehalten. Aus jedem dieser Probleme entstand ein weiterer Test und damit ein neuer Lernschritt.

Gerade das hat mir diese Woche wieder das Gefühl gegeben, mich zu entwickeln. Professionalität entsteht offenbar nicht in einem großen Sprung. Sie entsteht aus vielen kleinen Situationen, in denen ich lerne, warum ein Bild zu dunkel wird, welches Kamera-Profil besser zu meiner Bearbeitung passt oder warum ich mit einem Mikrofon näher und natürlicher spreche als mit einem anderen.

Meine Bildsprache wird klarer

Auch fotografisch hat sich diese Woche etwas verfeinert. Beim Blick auf mein Instagram-Profil fiel mir auf, dass dort viele Bilder mit gedeckten Farben, weichem Licht und ruhigen Übergängen nebeneinanderstehen. Szenen in direktem Sonnenlicht oder mit einem sehr hellen Himmel kommen deutlich seltener vor.

Das war nicht vollständig geplant. Trotzdem zeigt es mir inzwischen ziemlich klar, was ich suche. Mir geht es weniger um starke Kontraste als um Harmonie und Übergänge. Bei einem Sonnenaufgang mag ich häufig die Dämmerung am liebsten. Sobald die Sonne wirklich über dem Horizont steht und das Licht härter wird, wird es für meinen Stil schwieriger.

Diese Erkenntnis verändert auch meinen Blick auf ältere Bilder. Bei Drohnenaufnahmen hatte ich mich oft an der Drittelregel orientiert und beispielsweise ein Drittel Himmel im Bild gelassen. Nun habe ich einige dieser Bilder enger zugeschnitten und den Himmel teilweise ganz entfernt. Plötzlich wurde der Blick stärker auf die Landschaft gelenkt. Die Aufnahmen wirkten ruhiger, fokussierter und für mich stimmiger.

Die Drittelregel war deshalb nicht falsch. Sie ist nur kein Gesetz, das automatisch zu dem Bild führt, das ich erzeugen möchte. In manchen Aufnahmen braucht es den Himmel als ruhigen Raum, damit das Hauptmotiv nicht zu gepresst wirkt. In anderen trennt eine helle Fläche das Bild und nimmt der Landschaft ihre Geschlossenheit. Entscheidend ist nicht, ob Himmel im Bild ist. Entscheidend ist, welche Wirkung er dort erzeugt.

Am Ende der Woche bekam diese Erkenntnis im Zoo noch eine unerwartete Erweiterung. Während ich mit meiner Tochter dort war, hatte ich mir die kleine fotografische Aufgabe gestellt, weniger klassische Tierporträts zu machen und stattdessen auf Fell, Haut und Strukturen zu achten. Bei den Giraffen, Zebras und Elefanten entstanden Bilder, in denen Muster, Flächen und weiche Übergänge wichtiger sind als die vollständige Darstellung des Tieres.

Besonders ein enger Ausschnitt eines Elefantenkopfes hat mir gezeigt, dass meine Bildsprache nicht an Landschaften gebunden ist. Man erkennt das Auge und damit den Elefanten, gleichzeitig erinnert die Haut fast an Felsen oder eine abstrakte Landschaft. Das Bild ist ruhig, reduziert und in gedeckten Schwarz-Weiß-Tönen bearbeitet. Es fühlt sich eindeutig nach mir an, obwohl weder Meer noch Berge noch Nebel darauf zu sehen sind.

Das ist wahrscheinlich eine der spannendsten fotografischen Erkenntnisse dieser Woche: Ein eigener Stil zeigt sich nicht nur darin, immer ähnliche Motive zu fotografieren. Er zeigt sich darin, bei unterschiedlichen Motiven nach derselben Wirkung zu suchen. Ich ordne, reduziere und achte auf natürliche Übergänge. Im Zoo habe ich das plötzlich genauso gemacht wie bei einer Küstenlandschaft.

Offenheit verändert Begegnungen

Auch außerhalb der Fotografie nehme ich an mir gerade eine andere Offenheit wahr. Auf dem Parkplatz bei der Arbeit war ich in der Vergangenheit öfter einer sehr ranghohen Führungskraft begegnet, ohne dass wir uns begrüßt hatten. Vor ein oder zwei Wochen habe ich die Distanz selbst mit einem lockeren Kommentar durchbrochen. Als wir uns nun wieder trafen, sagte er von sich aus Hallo.

Objektiv ist das nur eine kleine Situation. Trotzdem musste ich darüber lachen, weil sie zu meinem momentanen Gefühl passt. Entscheidend war weniger, dass er mich dieses Mal wahrgenommen hat. Wichtiger war, dass ich nicht länger darauf gewartet hatte, von jemandem mit höherem Status angesprochen zu werden. Ich war selbst offen auf ihn zugegangen und hatte die Hierarchie in diesem kurzen Moment nicht größer gemacht, als sie sein musste.

Ähnlich war es bei einem der beiden Sonnenaufgänge, die ich diese Woche fotografiert habe. Am Mittwochmorgen sah ich aus dem Fenster und hatte das Gefühl, dass der Himmel etwas werden könnte. Ich fuhr spontan zu meinem Lieblingsplatz in der Stadt. Anfangs sah es gar nicht nach einem besonderen Morgen aus, dann wurde der Sonnenaufgang überragend schön.

Auf der Brücke stand eine Frau mit ihrem Fahrrad und machte ebenfalls Bilder. Ich ging zu ihr, sprach sie an und fotografierte sie vor dem Sonnenaufgang. Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich viel stärker gezögert. Dieses Mal entstand dadurch nicht nur ein weiteres Foto, sondern ein Moment, mit dem ich diesen Morgen verbinden werde.

Ich weiß nicht, wie groß der Anteil meiner Affirmationen, meiner Morgenroutine oder des Sports an dieser Veränderung ist. Wahrscheinlich lässt sich das gar nicht sauber voneinander trennen. Auffällig ist nur, dass ich mich im Moment stabiler fühle und dadurch offenbar auch offener handle. Die Routinen scheinen mich zu tragen, ohne dass ich jeden einzelnen Bestandteil täglich perfekt erfüllen muss.

Mein Beruf und meine Vision müssen nicht gegeneinander kämpfen

Besonders deutlich wurde mir das bei dem Zoobesuch mit meiner Tochter. Wir waren vier oder fünf Stunden zusammen unterwegs, haben Tiere beobachtet, fotografiert, etwas gegessen und am Ende bekam sie noch ein kleines Plüschtier. Einer der schönsten Momente war, gemeinsam ein Jungtier bei den Roten Pandas zu beobachten.

Dabei spürte ich viel Dankbarkeit für meinen Beruf. Er finanziert das Leben, das wir heute führen können. Er ermöglicht solche Tage, gibt meiner Familie Sicherheit und schafft gleichzeitig den Rahmen, in dem ich mein kreatives Projekt ohne existenziellen Druck entwickeln kann.

Das bedeutet nicht, dass ich meine größere Vision aufgebe. Als ich diese Woche die Bilder von der Imaging World in Nürnberg sah, war der Gedanke sofort wieder da: Irgendwann möchte ich selbst auf einer solchen Bühne stehen und über meinen Weg, meine Arbeit und die Erfahrungen aus meinen Reflexionen sprechen. Wann oder auf welchem Weg das passieren könnte, weiß ich nicht. Aber die Vorstellung fühlt sich weiterhin richtig an.

Der Unterschied ist, dass dieses Ziel mein heutiges Leben nicht mehr abwerten muss. Ich muss meinen Beruf nicht möglichst schnell verlassen, damit Framed Freedom eine Bedeutung bekommt. Im Moment darf das Projekt nebenbei wachsen. Ich kann Videos machen, meine Gedanken veröffentlichen, an einem Buchkonzept arbeiten, meinen fotografischen Stil verfeinern und beobachten, welche Möglichkeiten daraus entstehen.

Wenn daraus irgendwann etwas wird, das unsere finanzielle Sicherheit zusätzlich stärkt oder mir neue berufliche Wege eröffnet, wäre das sehr schön. Aber ich muss nicht alles auf diese Möglichkeit setzen. Gerade weil mein heutiger Beruf uns trägt, darf mein kreativer Weg Zeit brauchen.

Vielleicht ist das sogar näher an meiner Vorstellung von Framed Freedom, als ich bisher dachte. Mein Beruf gibt mir den Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann ich etwas Eigenes mit Freiheit, Neugier und ohne unmittelbaren wirtschaftlichen Zwang entwickeln. Beides muss im Moment nicht gegeneinander antreten.

Nicht jede sichtbare Chance ist der richtige nächste Schritt

Auch die Bewerbung für Zermatt sehe ich inzwischen etwas nüchterner. Ich hätte mich über eine Zusage gefreut und wäre vermutlich auch gefahren. Gleichzeitig bestand die Vergütung vor allem aus der Reise, der möglichen Reichweite und 500 Schweizer Franken. Das kann eine interessante Erfahrung sein, entspricht aber nicht automatisch meiner langfristigen Vorstellung von fair bezahlten Projekten, die zu meinem Leben und meiner Familie passen.

Bis zum Ende der Woche kam keine Nachricht. Wahrscheinlich wurde jemand anderes ausgewählt. Ich möchte das nun nicht nachträglich kleinreden, nur weil es vermutlich nicht geklappt hat. Trotzdem war die Bewerbung wertvoll. Ich habe ein englisches Video produziert, meine Geschichte auf rund 20 Sekunden verdichtet und mich für eine sichtbare Chance tatsächlich ins Spiel gebracht. Vielleicht war Zermatt weniger ein Ziel als eine Übung darin, mich zu zeigen und mich nicht schon vorher selbst auszusortieren.

Gleichzeitig hat mir die Woche gezeigt, dass nicht jede Gelegenheit mit Reichweite automatisch zu meiner Vision gehört. Eine passende Chance muss auch mit meinen Werten, meiner Zeit, meiner Familie und meiner Vorstellung von fairer Zusammenarbeit vereinbar sein. Das macht den Weg vielleicht langsamer, aber auch klarer.

Zufriedenheit ist kein Stillstand

Natürlich war diese Woche nicht ausschließlich leicht. Beruflich musste ich viele anspruchsvolle Themen parallel tragen. Zwischen Arbeit, Videoideen, Aufnahmen, Technik, Bildauswahl und der Auswertung meiner Inhalte zu wechseln, war kognitiv anstrengend. Am Ende fiel auch noch die Krone des Zahns heraus, der bereits an der Wurzelspitze behandelt wurde. Das hat mich frustriert und verunsichert, auch wenn ich immerhin keine Schmerzen hatte.

Trotzdem bleibt von dieser Woche nicht das Gefühl der Belastung. Es bleibt das Gefühl, wieder in Bewegung gewesen zu sein. Ich habe nicht nur über Entwicklung nachgedacht, sondern sie an konkreten Dingen gesehen: an einem erfolgreichen Reel, an einem besseren Verständnis meiner Technik, an einer klareren fotografischen Auswahl, an zwei schönen Sonnenaufgängen, an kleinen Begegnungen und an Bildern aus dem Zoo, die eindeutig meinen Stil tragen.

Damit hat sich der Konflikt der vergangenen Woche zumindest ein Stück weit gelöst. Zufriedenheit mit meinem heutigen Leben bedeutet nicht, dass ich mein Ziel aus den Augen verliere. Im Gegenteil: Weil ich gerade weniger gegen meine Gegenwart kämpfe, habe ich mehr Kraft, etwas für meine Zukunft zu tun.

Ich muss nicht unglücklich sein, um mich weiterzubewegen. Und ich muss nicht aufhören, mich weiterzuentwickeln, nur weil ich dankbar für das bin, was heute schon da ist.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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Wochenreflexion #61 KW39 – Ich muss das Heute nicht ablehnen, um weiterzugehen