Wochenreflexion #61 KW39 – Ich muss das Heute nicht ablehnen, um weiterzugehen
In dieser Woche habe ich wahrscheinlich eine meiner größten aktuellen Ängste erkannt: die Angst, in der IT zu versacken und meinen anderen Weg aus den Augen zu verlieren. Sie war so offensichtlich, dass ich sie lange kaum gesehen habe. Sobald ich mich stärker auf meinen Beruf eingelassen, mich auf neue Aufgaben gefreut oder einfach nur ausgesprochen habe, dass ich mit meinem Job grundsätzlich zufrieden bin, entstand in mir ein merkwürdiger Widerstand. Fast so, als würde ich damit mein eigentliches Ziel aufgeben.
Diese Angst hat in den vergangenen Monaten wahrscheinlich mehr beeinflusst, als mir bewusst war. Sie hat nicht dazu geführt, dass ich meinen Job vernachlässigt habe. Im Gegenteil: Ich habe mich in Projekte hineingebissen, Verantwortung übernommen und mich weiterentwickelt. Innerlich hatte ich aber häufig das Gefühl, meinem kreativen Weg nur dann treu zu bleiben, wenn ich die IT als etwas betrachte, das ich irgendwann unbedingt verlassen muss.
In dieser Woche ist mir klar geworden, dass ich das Heute nicht ablehnen muss, um etwas anderes für meine Zukunft zu wollen.
Vom Vergleich zur Verbindung
Der Beginn der Woche passte rückblickend erstaunlich gut zu dieser Erkenntnis. Am frühen Morgen war ich zum Sonnenaufgang am Mannheimer Fernmeldeturm unterwegs. Dieser Ort ist eng mit meiner fotografischen Geschichte verbunden. Dort habe ich früher häufig fotografiert und mich dabei auch stark mit anderen verglichen. Ich wollte bessere Bilder machen, mehr Reichweite erzielen und fotografisch weiter sein als die Menschen, die an denselben Orten standen.
An diesem Morgen traf ich einen Fotografen wieder, den ich früher teilweise eher als Konkurrenten wahrgenommen hatte. Dieses Mal entstand daraus ein ruhiges und ehrliches Gespräch. Wir fotografierten parallel, sprachen über unsere Erfahrungen mit Instagram und darüber, wie leicht man irgendwann beginnt, Bilder stärker für die Reaktion anderer als für das eigene Erleben zu machen. Wir hatten beide auf unterschiedliche Weise Abstand davon genommen und wieder mehr zu dem zurückgefunden, was uns die Fotografie selbst gibt.
Am Ende sagte er mir, dass unser Gespräch für ihn inspirierend gewesen sei. Das war nur ein kurzer Moment und natürlich kein Beweis für eine große Community oder eine zukünftige Tätigkeit. Trotzdem war es genau die Art von Resonanz, die ich mir wünsche: nicht eine Zahl unter einem Beitrag, sondern die Rückmeldung eines Menschen, dass ein Gespräch oder eine Perspektive etwas in ihm ausgelöst hat.
Ausgerechnet an einem Ort, an dem ich früher vergleichen und übertreffen wollte, entstand dieses Mal Verbindung. Vielleicht war das bereits der erste Hinweis dieser Woche, dass Entwicklung nicht immer bedeutet, etwas hinter sich zu lassen oder gegen etwas gewinnen zu müssen.
Darf ich mit meinem Job glücklich sein?
Einige Tage später wurde daraus eine viel grundsätzlichere Frage. Darf ich eigentlich sagen, dass ich mit meinem Job glücklich bin, wenn ich mir gleichzeitig ein anderes Leben manifestiere?
Mein Weg in die IT war nie besonders geplant. Ich bewarb mich damals auf ein duales Studium, weil ich glaubte, dass es um International Business Administration ging. In der ersten Vorlesung wurde ich dann im Studiengang Internationale Wirtschaftsinformatik begrüßt. Programmieren, Betriebssysteme oder Computertechnik waren nie die Themen, für die ich mich besonders begeistert habe. Ich arbeitete mich trotzdem durch das Studium und fand später Bereiche, die besser zu mir passten: Prozesse verstehen, Strukturen schaffen, unterschiedliche Menschen zusammenbringen und Wissen so übersetzen, dass daraus eine gemeinsame Richtung entsteht.
Auch heute fühle ich mich auf klassischen IT-Veranstaltungen manchmal noch fehl am Platz. Gleichzeitig wäre es unehrlich zu behaupten, ich würde jeden Morgen widerwillig zur Arbeit gehen. Mein Beruf gibt meiner Familie Sicherheit. Er ermöglicht uns unser Leben und unsere Reisen. Ich arbeite gern mit Menschen, entwickle Teams und sehe, wie aus unterschiedlichen Stärken etwas Gemeinsames entsteht. Es gibt Politik, Konflikte und Situationen, die mich ärgern. Aber es gibt auch vieles, das mir liegt und das ich gerne mache.
Gerade mögliche Veränderungen in meinem beruflichen Umfeld haben mir gezeigt, dass ich mich sogar auf neue Aufgaben und neue Menschen freuen kann. Und genau das hat die Angst ausgelöst: Wenn mir mein Job wieder wichtiger wird oder mehr Freude macht, verliere ich dann meinen Weg in Richtung Fotografie, Schreiben und Coaching?
Die Antwort kam über eine erstaunlich einfache Analogie. Ich fahre einen Audi A4 aus dem Jahr 2015 und mag dieses Auto wirklich gern. Ich muss nicht jeden Morgen davorstehen und mir einreden, wie schlecht es ist, nur weil ich irgendwann gern einen Porsche fahren würde. Meine Zufriedenheit mit meinem heutigen Auto löscht den Wunsch nach einem anderen Auto nicht aus.
Genauso lebe ich gern in Mannheim und kann mir trotzdem vorstellen, irgendwann in Portugal zu wohnen. Ich muss Mannheim nicht hassen, um vom Meer zu träumen. Ich kann meine Wohnung mögen und mir trotzdem später ein größeres Haus wünschen.
Warum sollte ausgerechnet beim Beruf etwas anderes gelten?
Ich darf mit meinem heutigen Job zufrieden sein. Ich darf sogar glücklich mit ihm sein. Ich darf mich auf neue Aufgaben einlassen, gute Arbeit leisten und mich weiterentwickeln. Und ich darf gleichzeitig wissen, dass ich langfristig noch etwas anderes aufbauen möchte. Wann und in welcher Form daraus ein anderer beruflicher Alltag entsteht, muss ich heute nicht entscheiden.
Manifestieren muss nicht aus Mangel entstehen
Ich glaube weiterhin daran, dass Manifestieren etwas verändern kann. Nicht in dem Sinne, dass ein Wunsch allein auf magische Weise ein Ergebnis erzeugt. Aber ein klares inneres Bild verändert, worauf ich achte, welche Möglichkeiten ich wahrnehme und welche Entscheidungen ich treffe. Viele Entwicklungen der vergangenen Monate hätte ich vielleicht übersehen oder anders bewertet, wenn ich mich nicht so intensiv damit beschäftigt hätte, wie ich leben und arbeiten möchte.
Bisher steckte darin aber offenbar auch ein Missverständnis. Ein Teil von mir glaubte, ich müsse mit meiner aktuellen Situation unzufrieden bleiben, damit mein Wunsch stark genug ist. Wenn ich sage, dass ich glücklich mit meinem Job bin, könnte das bedeuten, dass ich mein Ziel bereits erreicht habe und keinen Grund mehr habe, weiterzugehen.
In Wirklichkeit hat mich genau diese Haltung immer wieder in einen Mangel gebracht. Wenn ich meinen Beruf innerlich abwerten muss, um meinen Traum zu schützen, verbringe ich einen großen Teil meines Lebens mit dem Gefühl, am falschen Ort zu sein. Das erzeugt nicht mehr Freiheit, sondern zusätzlichen Druck.
Vielleicht ist das Gegenteil der bessere Zustand: Ich kann anerkennen, was heute trägt, und mich trotzdem auf das zubewegen, was morgen möglich sein könnte. Dankbarkeit ist dann kein Endpunkt. Sie ist die Grundlage, von der aus ich weitergehe.
Niedrige Reichweite und echte Entwicklung
Auch bei Instagram wurde dieses Muster in dieser Woche sichtbar. Die Reichweite meiner Reflexionsvideos blieb niedrig. Ein neues Video wurde trotz Talking Head nur wenigen Menschen gezeigt, die durchschnittliche Wiedergabedauer war kurz und die Übersprungrate hoch. Natürlich frustriert mich das. Ein solches Video braucht Zeit, und ich würde mich freuen, wenn diese Arbeit mehr Menschen erreicht.
Gleichzeitig hat sich mein Profil inhaltlich stark verändert. 122 meiner 157 bisherigen Beiträge waren auf Englisch, während ich seit einigen Wochen bewusst auf Deutsch veröffentliche und persönlichere Themen einbringe. Ob und wie Instagram meinen Account deshalb neu einordnet, kann ich nicht sicher wissen. Die aktuellen Zahlen sind aber zumindest kein sauberer Vergleich mit dem, was vorher war.
Trotzdem lernte ich aus diesem Video mehr, als die Zahlen zunächst vermuten lassen. Ich erkannte, dass der Talking Head zu lang war und ein engerer Bildausschnitt deutlich persönlicher wirkt. Ein Kommentar unter meinem Vorher-Nachher-Reel zeigte mir außerdem, dass meine bisherige Hook missverständlich sein kann. Wenn ich sage, dass ich jedes Farbfoto zuerst in Schwarz-Weiß bearbeite, verstehen manche Menschen zunächst, dass das fertige Bild schwarz-weiß bleiben soll. Daraus entstand eine klarere Formulierung: Ich bearbeite zuerst in Schwarz-Weiß, damit die Farben am Ende natürlicher wirken.
Der größte Qualitätssprung kam schließlich durch ein neues kleines Mikrofon. Bisher stand mein Rode-Mikrofon relativ weit entfernt auf dem Tisch. Beim Sprechen hatte ich dadurch unbewusst das Gefühl, meine Stimme in den Raum tragen zu müssen. Mit dem Mikrofon direkt am Shirt sprach ich plötzlich natürlicher, näher und etwas schneller. Meine Stimme klang nicht nur besser. Meine gesamte Art zu sprechen veränderte sich.
Zusammen mit dem engeren Bildausschnitt der Sony-Kamera kann das beide Videoformate deutlich professioneller machen. Beim Vorher-Nachher-Reel ist die Struktur inzwischen so klar, dass künftig hauptsächlich die Bilder ausgetauscht werden müssen. Auch für die Reflexionsvideos entsteht langsam eine feste Form: ein kurzer persönlicher Einstieg, danach starke Landschaftsbilder und eine klare, übertragbare Aussage.
Vor einigen Monaten hätte ich diese Form noch nicht glaubwürdig umsetzen können. Talking Head fühlte sich damals nicht nach mir an. Heute kostet es mich weiterhin Überwindung, aber es wirkt wie der nächste logische Schritt. Die niedrige Reichweite ist dadurch nicht plötzlich bedeutungslos. Sie ist aber auch kein Beweis dafür, dass der Weg nicht funktioniert. Im Moment ist sie der Raum, in dem ich mein Handwerk entwickle.
Selbst die Frage nach dem Preis meines Lightroom-Kurses passte dazu. Der Vergleich mit einem sehr bekannten Fotografen brachte mich ins Grübeln, ob die bisher angesetzten 199 Euro für meine aktuelle Phase zu hoch sind. Auch hier muss ich nichts verteidigen, nur weil ich es einmal festgelegt habe. Ein niedrigerer Einführungspreis entwertet den Kurs nicht. Er kann anerkennen, dass Vertrauen, Rückmeldungen und sichtbare Ergebnisse erst entstehen müssen.
Fortschritt, während meine Tochter Fahrrad fährt
Der vielleicht schönste Moment der Woche hatte mit all diesen Überlegungen zunächst gar nichts zu tun. Meine Tochter fuhr Fahrrad und ich joggte neben ihr her. Ich wollte keinen persönlichen Rekord erreichen und hatte keine besondere Trainingseinheit geplant. Ich wollte einfach in Bewegung bleiben und Zeit mit ihr verbringen.
Am Ende zeigte meine Uhr eine VO₂max von 50 an. Diesen Wert hatte ich noch nie erreicht. Nach meiner Operation, der längeren Sportpause und dem langsamen Wiedereinstieg war das ein überraschend großer Meilenstein.
Ausgerechnet dieser Fortschritt entstand in einem Moment, in dem ich ihn nicht erzwingen wollte. Ich war nicht auf einer perfekten Laufstrecke, arbeitete keinen ausgeklügelten Plan ab und kontrollierte nicht ständig meine Leistung. Ich lief einfach neben meiner Tochter her.
Das bedeutet nicht, dass Ziele ohne Konsequenz entstehen. Die Zahl ist wahrscheinlich das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen: wieder mit dem Training anzufangen, regelmäßig Kraft und Ausdauer zu verbinden, auf meinen Körper zu achten und nach Unterbrechungen erneut einen Rhythmus zu finden. Aber sichtbar wurde der Fortschritt in einem Moment, der sich nicht nach Leistung anfühlte.
Zufriedenheit und Entwicklung dürfen gleichzeitig existieren
Diese Woche war mental anstrengend, weil viele Dinge gleichzeitig in Bewegung waren. Gleichzeitig hat sie einen Blocker gelöst, den ich lange nicht klar benennen konnte.
Ich muss meinen Job nicht schlechtreden, damit mein kreativer Weg glaubwürdig bleibt. Ich muss Mannheim nicht ablehnen, um irgendwann am Meer leben zu wollen. Ich muss mein heutiges Auto nicht hassen, um von einem Porsche zu träumen. Ich muss alte Videos nicht löschen, nur weil ich heute besser sprechen, filmen und schneiden kann. Und ich muss einen einmal festgelegten Kurspreis nicht verteidigen, wenn eine andere Entscheidung besser zu meiner aktuellen Phase passt.
Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Stillstand. Akzeptanz ist nicht dasselbe wie Aufgeben. Ich kann mich über das freuen, was heute da ist, und trotzdem weitergehen.
Vielleicht ist genau das für mich gerade die reifere Form von Manifestieren: ein klares Ziel behalten, ohne das gegenwärtige Leben zum Fehler erklären zu müssen. Ich darf weiter an meiner Fotografie, meinen Videos, meinen Texten und meiner eigenen Methode arbeiten. Aber ich muss nicht jeden Tag beweisen, dass ich schon woanders sein sollte.
Mein heutiges Leben ist nicht der Gegner meines zukünftigen Lebens. Es ist der Ort, von dem aus ich es aufbaue.
Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.
Ausgerechnet dort, wo ich das Ergebnis innerlich losgelassen habe, bekomme ich neue Anerkennung. Bei meinem Herzensprojekt fällt mir diese Gelassenheit dagegen noch schwer. In dieser Woche habe ich verstanden, dass ich meinen Traum weiterhin ernst nehmen kann, ohne jeden Tag sichtbare Fortschritte von mir zu verlangen.