Wochenreflexion #27/ KW 5 2026 – WENN MAN ZU LANGE DURCHHÄLT
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Über Jahre ohne echte Pause, über Verantwortung, die sich schichtet, und über den Moment, in dem alles plötzlich Sinn ergibt
Wenn man erst im Rückblick erkennt, was man eigentlich getragen hat
Diese Woche hat etwas in mir sortiert, das lange nebeneinander existiert hat, ohne je wirklich zusammengefügt zu werden. Nicht, weil ein einzelnes Ereignis besonders einschneidend gewesen wäre, sondern weil ich mir zum ersten Mal erlaubt habe, die letzten Jahre als eine zusammenhängende Phase zu betrachten. Erst dadurch wurde mir klar, dass vieles, was ich lange als „normal“, „machbar“ oder „Teil des Lebens“ verbucht habe, in Summe eine Dauerbelastung war, die kaum Raum für echte Regeneration ließ.
Ich habe lange gedacht, dass es mir gut geht, weil ich funktioniert habe. Weil ich präsent war, Verantwortung übernommen habe, Leistung gebracht habe. Erst jetzt verstehe ich, dass genau dieses dauerhafte Funktionieren der Grund war, warum ich so lange nicht bemerkt habe, wie leer es innerlich geworden ist.
2017 bis 2020 – Verlust, Pandemie und das leise Gefühl, dass Zeit knapp ist
Der Tod meiner Mutter im Jahr 2017 war ein Einschnitt, den ich damals nicht verdrängt habe, den ich aber auch nicht wirklich verarbeitet habe. Ich habe weitergelebt, weitergearbeitet, weiter Verantwortung übernommen. Trauer lief im Hintergrund mit, leise, aber konstant.
Als dann im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie begann, hat sich dieses Gefühl verstärkt. Plötzlich war überall spürbar, wie fragil Dinge sind, wie schnell Sicherheiten kippen können. Rückblickend glaube ich, dass hier erstmals dieses unterschwellige Gefühl entstand, dass Zeit nicht selbstverständlich ist und man das Leben nicht einfach auf später verschieben sollte.
Juni bis September 2022 – Vater werden, befördert werden, weitermachen
Im Juni 2022 wurde meine Tochter geboren. Ein wunderschönes Ereignis, aber auch eine massive innere Umstellung. Kaum hatte sich der neue Alltag halbwegs gesetzt, kam im September 2022 die Beförderung zum IT-Direktor. Mehr Verantwortung, größere Entscheidungen, neue Erwartungshaltungen. Parallel dazu Kündigungen im Team, Stabilisierung, Aufbau, politisches Navigieren im Unternehmen.
Ich habe das nicht als Überforderung erlebt. Ich habe es angenommen. Ich war leistungsfähig, präsent, verlässlich. Was mir damals nicht bewusst war: Es gab keinen Übergang. Keine Phase des Ankommens. Es ging direkt weiter – nur mit deutlich höherer Komplexität.
März bis Dezember 2023 – Wenn Ereignisse keinen Abstand mehr lassen
Im März 2023 kauften wir einen VW-Bus. Im Juli 2023 folgte der Motorschaden. Finanziell ein Schock, emotional zermürbend, organisatorisch extrem belastend. Gleichzeitig war ich Alleinverdiener, frisch Vater, frisch in einer noch größeren Führungsrolle und innerlich ohnehin schon dauerhaft angespannt.
Aus dieser Situation heraus begann ich im September 2023 erstmals, Hotels zu kontaktieren, um über Fotografie Urlaube zu finanzieren. Das funktionierte überraschend gut. Erst Italien, dann im Oktober 2023 Portugal. Erfolgserlebnisse, Bestätigung, das Gefühl, kreativ etwas zu bewegen – und gleichzeitig neue Verantwortung, neue Unsicherheit, neue Erwartung an mich selbst.
Noch während dieses Urlaubs entschieden wir uns im Oktober 2023, umzuziehen. Im November folgte die Wohnungssuche, im Dezember 2023 der Umzug mit Kind, Renovierung, Streichen, Möbel schleppen, während parallel immer noch der Bus-Schaden geklärt wurde. Rückblickend gab es in diesen Monaten schlicht keinen Moment, in dem etwas wirklich abgeschlossen war, bevor das Nächste begann.
März bis August 2024 – Sichtbarkeit ohne Regeneration
2024 setzte sich dieser Rhythmus fort. Im März 2024 eine Kooperation mit Bluetti, Ende April erneut ein Hotelprojekt in Portugal, im Mai eine weitere Zusammenarbeit, im Juli 2024 eine Kooperation mit K&F Concept. Immer wieder neue Situationen, neue Erwartungen, neue Rollen, die ich vorher nie erlebt hatte.
Im August 2024 folgte der erste längere Campingurlaub mit Familie. Zwei Wochen auf engem Raum, eine völlig neue Dynamik. Rückblickend war selbst das keine Erholung, sondern eine weitere Anpassungsleistung.
Parallel dazu fiel eine wichtige Teamleiterin in Elternzeit, wodurch sich Verantwortung im Job erneut verschob. Nach außen wirkte all das wie Entwicklung. Innerlich fehlte etwas Entscheidendes: Ruhe.
Instagram spielte in dieser Phase eine besondere Rolle. Nicht als Ursache, sondern als Verstärker. In einem Zustand innerer Erschöpfung bot die Plattform permanent Vergleich, Reize und das Gefühl, immer noch nicht genug zu sein. Aufmerksamkeit wurde zu etwas, das kurzfristig etwas füllte, das ich mir selbst nicht mehr geben konnte.
September 2024 – Der innere Notstopp
Im September 2024 kam der Punkt, an dem ich nicht mehr unterscheiden konnte, warum ich Dinge tat. Ob ich fotografierte, weil ich Lust darauf hatte, oder weil ich Content brauchte. Ob ich reisen wollte, weil ich erleben wollte, oder weil ich Angst hatte, etwas zu verpassen.
In diesem Moment habe ich Instagram deinstalliert. Nicht aus Trotz, nicht aus Ideologie, sondern weil mein System keine weiteren Reize mehr verarbeiten konnte. Es war kein Zusammenbruch, sondern ein innerer Notstopp.
Die Erkenntnis von heute – nahe am Burnout, ohne je umzufallen
Was mich diese Woche besonders bewegt hat, ist die Erkenntnis, dass man sehr nah an einem Burnout sein kann, ohne jemals zusammenzubrechen. Ich war da. Für meine Familie. Für mein Team. Für Projekte. Aber innerlich war ich leer. Nicht depressiv, nicht hoffnungslos – sondern erschöpft auf eine Art, die man lange nicht ernst nimmt, weil man ja noch funktioniert.
Dass sich das auch in meinem fotografischen Ausdruck gezeigt hat, in der Suche nach Kontrolle, Einheitlichkeit und tristeren Bildern, ist rückblickend logisch. Ich habe versucht, über äußere Ordnung innere Stabilität herzustellen.
Warum sich jetzt etwas verschoben hat
Diese Woche war deshalb so prägend, weil sich all diese Punkte erstmals logisch zusammengefügt haben. Das radikale Aussortieren von Bildern und Videos war kein technischer Akt, sondern ein innerer. Ich habe Material losgelassen, das aus Zuständen entstanden ist, in denen ich gesucht habe, statt zu fühlen.
Der Unterschied zu früher ist nicht, dass jetzt alles leicht ist. Der Unterschied ist, dass ich mich selbst wieder wahrnehme. Ich habe heute Klarheit, einen Rahmen, einen Rhythmus – und die Erfahrung, dass Entwicklung nicht aus Dauerbelastung entsteht, sondern aus bewussten Pausen.
Eine leise Erkenntnis für jeden, der das hier liest
Vielleicht liest das hier jemand und erkennt sich wieder. Nicht im Zusammenbruch, sondern im Durchhalten. Im Glauben, dass das schon normal ist. Dann ist diese Reflexion keine Warnung aus Angst, sondern eine Einladung zur Ehrlichkeit.
Nicht alles, was man aushält, tut einem gut.
Und nicht alles, was man kann, muss man dauerhaft leisten. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.