Warum ich meine Lightroom-Bearbeitung in Schwarz-Weiß beginne
Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt wird, ist überraschend einfach:
„Warum beginnst du deine Lightroom-Bearbeitung in Schwarz-Weiß?“
Im ersten Moment klingt dieser Ansatz etwas ungewöhnlich. Schließlich bearbeiten die meisten von uns Farbfotografien, weil Farben für uns eine wichtige Rolle spielen. Wir möchten schöne Farbtöne, interessante Farbpaletten, Atmosphäre und Stimmung erzeugen. Warum sollte man die Farben also zunächst entfernen?
Für mich hat die Antwort nur wenig mit Schwarz-Weiß-Fotografie zu tun. Vielmehr hilft mir dieser Schritt dabei, ein Bild klarer zu sehen.
Farben können ablenken
Wenn wir ein Foto öffnen, wird unsere Aufmerksamkeit ganz automatisch von den Farben angezogen. Ein warmer Sonnenuntergang wirkt sofort einladend, ein blaues Meer vermittelt Ruhe und kräftige Grüntöne fallen unmittelbar ins Auge.
Farben erzeugen sehr schnell Emotionen. Genau deshalb können sie uns bei der Bearbeitung aber auch ablenken. Während wir auf die Farben schauen, achten wir häufig weniger auf die Struktur, die darunterliegt.
Auf das Licht, die Balance und die Übergänge zwischen den Tonwerten – also auf die Elemente, die ein Bild letztlich tragen.
Lange Zeit habe ich fast sofort damit begonnen, die Farben eines Fotos anzupassen. Dabei versuchte ich häufig, Probleme zu lösen, die eigentlich gar keine Farbprobleme waren.
Was passiert, wenn die Farben verschwinden?
Sobald ich ein Bild auf Schwarz-Weiß umstelle, passiert etwas Interessantes: Ich denke nicht mehr über Farben nach, sondern beginne, das Licht bewusster wahrzunehmen.
Plötzlich lässt sich leichter erkennen, ob bestimmte Bereiche zu hell oder zu dunkel sind, ob das Bild ausgewogen wirkt und ob der Blick auf natürliche Weise durch die Aufnahme geführt wird. Außerdem wird sichtbar, ob die gewünschte Atmosphäre bereits vorhanden ist, bevor überhaupt ein Color Grading eingesetzt wird.
Ohne Farbe kann sich ein Bild nicht hinter schönen Farbtönen verstecken.
Zuerst entsteht die Grundlage
Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, ist, dass Atmosphäre nur selten allein durch Farben entsteht.
Ein Foto mit schönem Licht wirkt häufig bereits stimmungsvoll, bevor Farben ins Spiel kommen. Ein Bild mit schwierigem Licht bleibt dagegen meistens eine Herausforderung – unabhängig davon, wie intensiv man die Farben bearbeitet.
Das bedeutet nicht, dass Farben unwichtig sind. Ganz im Gegenteil. Aus meiner Sicht funktionieren sie jedoch am besten, wenn sie eine Wirkung verstärken, die bereits im Bild vorhanden ist. Sie sollten nicht versuchen müssen, die gesamte Atmosphäre erst nachträglich zu erzeugen.
Deshalb konzentriere ich mich zunächst auf die Grundlage: Licht, Balance, Tiefe und weiche Übergänge. Erst danach beginne ich, mich mit den Farben zu beschäftigen.
Die Bearbeitung wurde zu einer Form der Reflexion
Was mich an diesem Ansatz am meisten überrascht hat: Er veränderte nicht nur meine Bildbearbeitung, sondern auch die Art, wie ich fotografiere.
Mit der Zeit erkannte ich bestimmte Muster. Manche Fotos ließen sich sehr leicht bearbeiten, während andere sich ständig wie ein Kampf anfühlten. Als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass die schwierigen Bilder häufig ähnliche Eigenschaften hatten.
Das Licht war zu hart, die Übergänge wirkten unruhig oder die Balance der Tonwerte ließ sich nicht richtig herstellen. Die Fotos, die mir am besten gefielen, benötigten dagegen oft nur sehr wenige Anpassungen.
Die Atmosphäre war bereits vorhanden. Die Bearbeitung musste sie lediglich sichtbar machen.
Schwarz-Weiß wurde für mich deshalb zu mehr als einer reinen Bearbeitungstechnik. Es half mir zu verstehen, welche Art von Licht und Atmosphäre mich als Fotograf ganz natürlich anspricht.
Schwarz-Weiß hilft mir, Licht und Farbe voneinander zu trennen
Viele Fotografen empfinden die Bildbearbeitung als schwierig, weil sie versuchen, alle Entscheidungen gleichzeitig zu treffen: Belichtung, Kontrast, Farben, Stimmung und Atmosphäre. Früher habe ich es genauso gemacht. Heute trenne ich diese Entscheidungen bewusst voneinander. Zuerst bearbeite ich das Licht. Danach beschäftige ich mich mit den Farben. Nicht, weil das technisch der einzig richtige Weg wäre, sondern weil ich dadurch klarer denken und gezieltere Entscheidungen treffen kann.
Anstatt mich sofort zu fragen:
„Wie kann ich diese Farben verbessern?“
stelle ich mir zunächst eine andere Frage:
„Wirkt dieses Bild bereits ausgewogen?“
Ohne die Ablenkung durch Farben lässt sich die Antwort meistens deutlich leichter erkennen.
Farben bleiben wichtig
Eine Bearbeitung in Schwarz-Weiß zu beginnen bedeutet natürlich nicht, dass das fertige Bild ebenfalls schwarz-weiß sein muss.
Farben gehören weiterhin zu den wirkungsvollsten Gestaltungsmitteln in der Fotografie. Sie beeinflussen unsere Emotionen, Erinnerungen und die gesamte Atmosphäre einer Aufnahme. Auch viele Entscheidungen, die den persönlichen Bildstil prägen, entstehen durch den bewussten Umgang mit Farben.
Ich habe jedoch festgestellt, dass diese Entscheidungen leichter werden, wenn das Bild bereits ohne Farbe funktioniert. Dann müssen die Farben eine Aufnahme nicht mehr retten, sondern können ihre vorhandene Wirkung gezielt verstärken.
Warum ich diesen Ansatz noch heute nutze
Auch Jahre später beginne ich viele meiner Bearbeitungen noch immer auf diese Weise. Nicht, weil es eine feste Regel ist oder weil jeder Fotograf so arbeiten sollte. Sondern weil mir dieser Ansatz zuverlässig dabei hilft, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: das Licht, die Balance und die Atmosphäre.
Wenn ich bei einer Bearbeitung nicht weiterkomme, kehre ich deshalb häufig zu derselben Frage zurück:
„Würde dieses Bild auch dann noch funktionieren, wenn ich alle Farben entfernen würde?“
Die Antwort darauf zeigt mir meistens ziemlich genau, was dem Bild noch fehlt.
Für mich ging es beim Start in Schwarz-Weiß deshalb nie wirklich darum, die Farben zu entfernen. Es ging darum, zuerst zu erkennen, was bereits im Bild vorhanden ist, bevor die Farben hinzukommen.
Why Most Lightroom Presets Fail or Why Most People Edit Colors Too Early in Lightroom.
Wenn Fotografen über Atmosphäre sprechen, geht es häufig zuerst um Farben: warme Sonnenuntergänge, filmische Farbtöne und ein dramatisches Color Grading, das einem Bild Stimmung und Emotion verleihen soll. Trotzdem wirken einige der atmosphärischsten Fotos bereits besonders, bevor überhaupt eine Bearbeitung stattgefunden hat.
In diesem Artikel beschäftige ich mich mit der Frage, warum Atmosphäre häufig mit dem Licht beginnt, wie die Bildbearbeitung sie gezielt verstärken kann und weshalb das Verständnis für dieses Zusammenspiel meine Art zu fotografieren und meine Bilder zu bearbeiten grundlegend verändert hat.