Warum manche Fotos ruhig wirken und andere nicht

Vor einigen Jahren hätte ich meine Lieblingsfotos noch ganz anders beschrieben als heute. Wahrscheinlich hätte ich vor allem über die Orte gesprochen, an denen sie entstanden sind: über Berge, Küsten und besondere Landschaften.

Heute glaube ich, dass das, wonach ich eigentlich gesucht habe, nur wenig mit dem jeweiligen Ort zu tun hatte. Viel wichtiger war, welches Gefühl ein Bild in mir auslöste. Und dabei taucht ein Begriff immer wieder auf: Ruhe.

Das Interessante daran ist, dass sich diese Ruhe erstaunlich schwer beschreiben lässt. Die meisten Menschen erkennen sie sofort, wenn sie ein Foto betrachten. Trotzdem können nur wenige genau erklären, wodurch sie entsteht.

Zwei Fotografen können am gleichen Ort stehen und vollkommen unterschiedliche Bilder aufnehmen. Das eine Foto wirkt ruhig und einladend, das andere unruhig und überfordernd.

Der Strand oder der Berg ist derselbe. Das Licht und die Szene sind ebenfalls gleich. Trotzdem entsteht eine völlig andere Wirkung.

Lange dachte ich, dass die Ruhe eines Fotos hauptsächlich vom Motiv selbst ausgeht. Ein stiller See wirkt ruhig, eine belebte Stadt chaotisch. Ein Wald vermittelt Frieden, während sich eine volle Straße schnell hektisch anfühlt.

Je mehr ich jedoch fotografierte und meine Bilder bearbeitete, desto weniger war ich davon überzeugt. Ich habe Fotos geschäftiger Großstädte gesehen, die unglaublich ruhig wirkten. Gleichzeitig kenne ich Aufnahmen wunderschöner Küsten, deren Betrachtung sich beinahe stressig anfühlt.

Irgendwann wurde mir klar, dass Ruhe viel weniger davon abhängt, wo ein Foto entstanden ist. Entscheidend ist vielmehr, wie die visuellen Informationen innerhalb des Bildes dargestellt und gewichtet werden.

Ruhe hängt davon ab, was um Aufmerksamkeit konkurriert

Eine verbreitete Annahme über ruhige Fotografie lautet, dass sich möglichst wenig im Bild befinden sollte. Manchmal stimmt das, aber längst nicht immer.

Ich habe minimalistische Fotos gesehen, die sich überraschend unangenehm anfühlten. Gleichzeitig können auch komplexe Szenen sehr ausgewogen wirken und sich angenehm betrachten lassen.

Der entscheidende Unterschied liegt häufig darin, wie stark die einzelnen Elemente miteinander um Aufmerksamkeit konkurrieren. Wenn zu viele Bereiche gleichzeitig den Blick auf sich ziehen, findet das Auge keinen Ort, an dem es zur Ruhe kommen kann.

Helle Bildbereiche konkurrieren mit kräftigen Farben. Elemente im Vordergrund konkurrieren mit dem Hintergrund. Mehrere Motive konkurrieren miteinander.

Der Betrachter sucht dadurch ständig nach dem Bereich, der eigentlich wichtig ist. Und genau diese Suche erzeugt Spannung.

Mit der Zeit bemerkte ich, dass viele meiner Lieblingsfotos etwas gemeinsam haben: Sie geben dem Blick einen Ort, an dem er zur Ruhe kommen kann. Einen Punkt, an dem die Betrachtung beginnt und zu dem das Auge immer wieder zurückkehrt.

Diese einfache Beobachtung hat meine Sicht auf Fotografie grundlegend verändert.

Die Rolle des Lichts

Licht spielt dabei eine wesentlich größere Rolle, als mir früher bewusst war. Wenn über Licht gesprochen wird, geht es häufig nur um die Belichtung: zu hell, zu dunkel, technisch richtig oder technisch falsch.

Licht beeinflusst jedoch weit mehr als die technische Qualität eines Fotos. Es bestimmt maßgeblich, wie sich ein Bild anfühlt.

Weiches Licht erzeugt häufig sanftere Übergänge zwischen den unterschiedlichen Bildbereichen. Die Schatten gehen gleichmäßiger in die Lichter über, Farben wirken weniger intensiv und der Blick kann sich natürlicher durch das Bild bewegen.

Hartes Licht schafft dagegen stärkere Trennungen, hellere Lichter, dunklere Schatten und dadurch auch mehr visuelle Spannung.

Keiner der beiden Ansätze ist grundsätzlich richtig oder falsch. Sie erzeugen lediglich unterschiedliche emotionale Wirkungen.

Als ich ältere Fotos von mir betrachtete, stellte ich fest, dass viele der Aufnahmen, zu denen ich immer wieder zurückkehrte, unter Bedingungen entstanden waren, die das von mir gesuchte Gefühl ganz natürlich unterstützten:

Nebel, bewölkter Himmel, frühes Morgenlicht, Abendlicht und weiche Übergänge.

Nicht, weil dramatische Bedingungen grundsätzlich schlechter sind, sondern weil diese ruhigeren Lichtstimmungen stärker damit übereinstimmen, wie ich die Welt wahrnehme und in meinen Bildern zeigen möchte.

Was mich die Bildbearbeitung über Ruhe gelehrt hat

Interessanterweise habe ich das meiste davon nicht beim Fotografieren gelernt, sondern bei der anschließenden Bearbeitung.

Anfangs dachte ich, bei der Bildbearbeitung gehe es hauptsächlich um Farben. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass es häufig vielmehr um die Steuerung von Aufmerksamkeit geht.

Jede Anpassung verändert, was der Betrachter zuerst wahrnimmt. Mehr Kontrast kann Energie erzeugen. Weniger Ablenkung kann für Ruhe sorgen. Wenn ich bestimmte Bereiche aufhelle, ziehe ich den Blick dorthin. Dunkle ich sie ab, erhalten andere Elemente mehr Raum.

Einer der Gründe, warum meine fertigen Bearbeitungen häufig etwas dunkler ausfallen als die Realität, liegt deshalb nicht darin, dass ich unbedingt eine düstere Stimmung erzeugen möchte. Dunklere Bereiche konkurrieren oft einfach weniger stark um Aufmerksamkeit.

Der Blick beginnt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und das Bild wirkt klarer. Nicht, weil Informationen verschwunden sind, sondern weil weniger Konkurrenz zwischen ihnen besteht.

Diese Unterscheidung wurde für mich besonders wichtig. Viele meiner heutigen Bearbeitungsentscheidungen dienen nicht unmittelbar dazu, Atmosphäre zu erzeugen. Sie entfernen vielmehr die Ablenkungen, die verhindern, dass die bereits vorhandene Atmosphäre überhaupt wahrgenommen werden kann.

Ruhe ist etwas Persönliches

Je länger ich fotografiere, desto stärker wird mir bewusst, dass Ruhe nicht für jeden Menschen dasselbe bedeutet.

Fotografen fühlen sich von unterschiedlichen Formen von Energie angesprochen. Manche lieben starke Kontraste, dramatisches Wetter und kräftige Farben. Andere bevorzugen sanfte Übergänge, stille Momente und zurückhaltende Farbpaletten.

Keiner dieser Ansätze ist besser als der andere. Es geht nicht darum, ruhige Szenen zu fotografieren, nur weil sie einem anderen Menschen gefallen. Entscheidend ist, herauszufinden, was einen selbst wirklich berührt.

Die Fotos, zu denen wir immer wieder zurückkehren, verraten häufig etwas darüber, wie wir die Welt wahrnehmen. Auf eine gewisse Weise zeigen sie deshalb auch etwas von uns selbst.

Über die Fotografie hinaus

Wenn ich heute zurückblicke, glaube ich nicht mehr, dass ich lediglich nach ruhigen Fotografien gesucht habe. Wahrscheinlich suchte ich nach der Ruhe selbst.

Diese Erkenntnis hat nicht nur meine Bildbearbeitung verändert, sondern auch meine Art zu fotografieren. Ich hörte auf, mich zu fragen:

„Wie kann ich dieses Bild beeindruckender machen?“

Stattdessen begann ich zu überlegen:

„Wie kann ich dafür sorgen, dass sich dieses Bild stärker nach dem Moment anfühlt, den ich erlebt habe?“

Das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Die eine führt häufig zu mehr Aufmerksamkeit, die andere eher zu mehr Klarheit.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum manche Fotos ruhig wirken und andere nicht. Nicht, weil sie weniger enthalten oder grundsätzlich einfacher aufgebaut sind. Sondern weil sie genügend Balance, Klarheit und Raum schaffen, damit der Blick zur Ruhe kommen kann.

Manchmal ist Ruhe genau das: das Gefühl, dass für einen kurzen Moment nichts innerhalb des Bildes um unsere Aufmerksamkeit kämpfen muss.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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