Wochenreflexion #58 KW36 – Wenn ich nicht mehr jeden freien Raum füllen muss

Diese Woche war eigentlich ziemlich voll. Auf der Arbeit genauso wie in meinem eigenen Projekt. Und trotzdem ist mir im Laufe der Woche etwas aufgefallen, das sich anders angefühlt hat als noch vor einigen Monaten. Ich habe weiterhin ziemlich viel gemacht. Aber ich hatte immer wieder Momente, in denen ich bewusst aufgehört habe. Nicht weil ich keine Lust mehr auf meinen Weg habe. Sondern weil ich langsam weniger das Gefühl habe, ihn jeden Tag beschleunigen zu müssen.

Wenn nicht jedes Problem meines werden muss

Auf der Arbeit geht gerade ein großes Projekt in seine entscheidende Phase. Viele Experten sind gefordert, es gibt offene Punkte, unterschiedliche Einschätzungen und natürlich auch Menschen, die sich fragen, ob am Ende wirklich alles rechtzeitig funktionieren wird. Für mich ist das gerade eine interessante Führungsaufgabe. Wenn Experten sehr tief in ihren Themen stecken, bekommt jedes Problem verständlicherweise eine große Bedeutung. Meine Aufgabe ist aber nicht, jede dieser Sorgen selbst zu übernehmen oder jedes Problem fachlich zu lösen.

Ich muss versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Was ist wirklich kritisch? Was muss jetzt entschieden werden? Wer muss sich kümmern? Und womit können wir vielleicht auch leben, obwohl es noch nicht perfekt ist? Ich merke dabei gerade wieder, dass ich dankbar für meine Rolle bin. Ich wollte irgendwann nicht mehr derjenige sein, der jedes technische Problem selbst lösen muss. Heute geht es viel stärker darum, Menschen in die richtige Richtung zu bringen, Zusammenhänge zu erkennen und auch dann ruhig zu bleiben, wenn um mich herum viele Einzelthemen gleichzeitig laut werden.

Das war diese Woche kognitiv trotzdem ziemlich hart. Aber vielleicht besteht Erfahrung irgendwann genau darin: Die Probleme werden nicht unbedingt kleiner. Man lernt nur besser zu unterscheiden, welche davon man wirklich selbst tragen muss.

Morgens erst einmal nichts leisten

Interessanterweise hat sich parallel dazu eine neue Morgenroutine etabliert. Ich stehe etwas früher auf, schaue zuerst ein paar Minuten ins Tageslicht, trinke ein Glas Wasser und mache danach ungefähr zwölf Minuten eine positive Meditation mit Affirmationen. Anschließend dehne und lockere ich meinen Körper ein bisschen. Mehr eigentlich nicht.

Am Anfang hatte ich noch Gedanken, dort auch Mobility, Planks oder kleine Kräftigungsübungen unterzubringen. Aber ziemlich schnell habe ich gemerkt: Ich möchte morgens noch nichts leisten müssen. Ich muss danach den ganzen Tag genug leisten. Morgens möchte ich erst einmal ankommen.

Und genau dadurch funktioniert diese Routine gerade erstaunlich gut. Sie fühlt sich nicht wie die nächste Selbstoptimierungsaufgabe an. Im Gegenteil. Ich bin danach häufig ziemlich gut gelaunt und starte ruhiger in den Tag. Das finde ich auch deshalb spannend, weil ich einige Monate gar nicht mehr meditiert hatte. Meine Meditation am Abend war irgendwann zu etwas geworden, das ich noch erledigen musste. Jetzt scheint dieselbe Sache an einer anderen Stelle plötzlich wieder gut zu mir zu passen.

Vielleicht geht es also auch bei Routinen weniger darum, was man theoretisch machen sollte, sondern darum, einen Rahmen zu finden, in dem sie sich leicht genug anfühlen, um tatsächlich zu helfen. Auch der Sport gehört gerade wieder dazu. Ich merke, wie gut mir die Bewegung tut und dass mein Körper langsam wieder in eine bessere Richtung kommt. Aber auch hier versuche ich weniger, daraus direkt wieder das nächste Leistungsprojekt zu machen.

Ein Reel darf einfach seine Aufgabe erfüllen

Bei Instagram hatte ich diese Woche eine ähnliche Erfahrung. Mein neues Vorher-Nachher-Reel lief ziemlich gut. Es bekam viele Aufrufe, wurde häufig gespeichert und brachte mir einige neue Follower. Natürlich kam ziemlich schnell der Gedanke: Dann müsste ich jetzt eigentlich mehr davon machen.

Aber genau das möchte ich nicht. Ich habe inzwischen verstanden, dass diese Reels bei mir eine bestimmte Aufgabe haben dürfen. Sie funktionieren gut, um neue Menschen zu erreichen und sie auf mein Profil zu bringen. Meine Reflexionsvideos haben dagegen eine völlig andere Aufgabe.

Diese Woche habe ich endlich das Video zu meiner Reflexion aus KW32 veröffentlicht. Es hat deutlich weniger Menschen erreicht als das Vorher-Nachher-Reel. Und das war überraschend okay. Denn plötzlich habe ich verstanden, dass dieses Video gar nicht die gleiche Reichweite erreichen muss.

Wenn jemand über ein Vorher-Nachher auf mein Profil kommt und sich danach fragt, wer ich eigentlich bin, dann soll dort eben auch etwas anderes zu finden sein. Meine Gedanken. Meine Geschichte. Meine Entwicklung. Das Reflexionsvideo muss deshalb nicht die Tür sein, durch die tausend Menschen kommen. Vielleicht reicht es, wenn es den Menschen, die bereits durch eine andere Tür gekommen sind, zeigt, warum sie bleiben könnten. Diese Unterscheidung hat mir ziemlich viel Druck genommen.

Nur weil Zeit da ist, muss ich sie nicht benutzen

Der deutlichste Moment kam aber wahrscheinlich erst gegen Ende der Woche. Meine Frau und meine Tochter sind gerade für eine Woche im Urlaub. Ich bin zu Hause geblieben, weil ich arbeiten muss. Damit habe ich außerhalb meiner Arbeitszeit plötzlich ungewöhnlich viel Zeit für mich.

Und natürlich hatte ich vorher schon Pläne dafür. Videos schneiden. Dinge fertigstellen. Mein eigenes Projekt weiterbringen. Möglichst viel aus dieser Woche herausholen. Eigentlich perfekte Bedingungen, um wieder eine kleine Produktivitäts-Challenge daraus zu machen.

Als ich dann mein Reflexionsvideo geschnitten hatte, habe ich irgendwann gemerkt, wie viel Arbeit das eigentlich ist. Und plötzlich dachte ich: Ich muss diese Woche überhaupt nichts mehr machen. Wenn ich Lust habe, mache ich noch etwas. Wenn nicht, dann eben nicht.

Das klingt banal. Für mich war es das aber nicht. Schon am Dienstag hatte ich einen ähnlichen Moment. Gegen 17 Uhr hätte ich noch weiterarbeiten und ein Video fertigstellen können. Stattdessen habe ich entschieden, zum Sport zu gehen. Damals dachte ich noch, das sei einfach eine einzelne gute Entscheidung. Im Nachhinein merke ich, dass sich genau diese Haltung durch die ganze Woche gezogen hat.

Nicht jeden freien Moment nutzen. Nicht aus einem erfolgreichen Reel sofort fünf weitere machen. Nicht ständig Instagram öffnen, nur um zu sehen, ob sich irgendetwas verändert hat. Nicht jedes Problem auf der Arbeit selbst übernehmen. Nicht aus einer Morgenroutine direkt wieder ein Trainingsprogramm bauen. Immer wieder war irgendwo ein kleiner Moment, in dem ich hätte mehr machen können. Und immer öfter konnte ich sagen: Es reicht.

Vielleicht ist das der nächste Schritt

Vor einigen Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, welche Grenzen ich brauche. Wann ich erreichbar bin. Wann ich Instagram benutze. Welche Dinge ich an mich heranlasse. Welchen Rahmen ich mir selbst setze. Diese Woche hat sich etwas daran verändert.

Ich musste diese Grenzen nicht ständig bewusst verteidigen. Teilweise waren sie einfach da. Vielleicht beginnt genau dort Vertrauen.

Nicht indem mir plötzlich egal wird, was aus meinem Projekt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte weiterhin, dass meine Inhalte Menschen erreichen. Ich möchte, dass mein Kurs irgendwann funktioniert. Ich möchte meine Fotografie weiterentwickeln und aus meinen Reflexionen etwas Größeres entstehen lassen.

Und wenn ich ehrlich bin, wirkt der Weg vor mir manchmal immer noch verdammt lang. Aber vielleicht muss ich gerade lernen, dass ein langer Weg nicht dadurch kürzer wird, dass ich jeden freien Abend noch etwas hineinquetsche.

Ich kann meinen Teil tun. Ich kann regelmäßig veröffentlichen. Ich kann lernen, ausprobieren und Dinge verändern, wenn sie nicht funktionieren. Ich kann trainieren. Ich kann morgens zehn Minuten ruhig dasitzen. Und danach darf ich auch darauf vertrauen, dass nicht jeder Fortschritt noch am selben Tag sichtbar werden muss.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis dieser Woche: Ich brauche nicht weniger Ehrgeiz. Ich brauche genug Vertrauen, um nicht jeden freien Raum mit ihm füllen zu müssen.

Das fühlt sich gerade überraschend gut an.

Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

Florian Kirschbaum

Florian Kirschbaum ist Fotograf für Reise-, Hotel- und Landschaftsfotografie mit Sitz in Mannheim. Auf diesem Blog schreibt er über Bildbearbeitung in Lightroom, Stilentwicklung und seinen Weg vom IT-Direktor zum Fotografen. Er bietet einen Lightroom-Kurs zur Stilfindung an — auf Deutsch und Englisch. In einem kostenfreien Bildstilanalyse-Tool können Fotografen ihren Bearbeitungsstil prüfen.

https://www.florian-kirschbaum.com
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