Wochenreflexion #43/ KW 21 2026 – Als Selbstentwicklung zur To-do-Liste wurde

In den letzten Monaten hatte ich oft das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich habe reflektiert, meditiert, gejournalt, mein Manifest weiterentwickelt, meinen Lightroom-Kurs aufgebaut, Blogartikel geschrieben und begonnen, meine kreative Zukunft bewusster zu gestalten. Gleichzeitig lief mein Alltag ganz normal weiter. Große IT-Projekte, Führungsverantwortung, Konferenzen, Familie und der Versuch, nebenbei noch Fotografie, Video und Social Media voranzubringen. Auf den ersten Blick waren das alles Dinge, die mir wichtig sind. Trotzdem begann mein Körper irgendwann, die Rechnung dafür zu präsentieren.

Während meines Urlaubs in Portugal habe ich das Buch The Mountain Is You von Brianna Wiest gelesen. Dabei wurde mir etwas bewusst, das ich lange übersehen hatte. Ich war nicht nur durch die Arbeit gestresst. Ich war auch durch meine eigene Weiterentwicklung gestresst.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Schließlich gelten Meditation, Journaling und Reflexion als Dinge, die uns helfen sollen. Und genau das haben sie bei mir auch getan. Nach meinem Instagram-Ausstieg und der persönlichen Krise im Herbst 2024 waren diese Werkzeuge unglaublich wertvoll. Sie haben mir geholfen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst besser zu verstehen. Doch irgendwann begann sich etwas zu verändern. Die Dinge, die ursprünglich Unterstützung waren, wurden langsam zu Verpflichtungen. Meditation wurde zu etwas, das ich erledigen musste. Journaling wurde zu etwas, das ich abhaken musste. Die Morgenroutine wurde zum ersten Programmpunkt des Tages. Aus Werkzeugen wurden Aufgaben.

Wenn selbst Selbstfürsorge zur To-do-Liste wird

Besonders deutlich wurde mir das bei meiner Morgenroutine. Ursprünglich hatte ich die Sonnengrüße eingeführt, weil sie mir guttaten und mir halfen, bewusster in den Tag zu starten. Irgendwann bemerkte ich jedoch, dass ich morgens nicht mehr auf die Matte ging, weil ich Lust darauf hatte, sondern weil ich das Gefühl hatte, es tun zu müssen. Aus einer hilfreichen Gewohnheit war unbemerkt das erste To-do des Tages geworden.

Ähnlich ging es mir mit Meditation und Journaling. Die eigentliche Wirkung dieser Werkzeuge war längst eingetreten, aber ich behandelte sie weiterhin so, als müsste ich sie jeden Tag absolvieren, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Dabei ertappte ich mich immer häufiger bei einer einfachen Frage: Warum schreibe ich das eigentlich noch auf?

Ich reflektiere regelmäßig in meinen Blogartikeln. Ich denke viel über mein Leben nach. Ich führe Gespräche, in denen ich meine Gedanken sortiere. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dieselben Erkenntnisse immer wieder aufzuschreiben. Nicht weil sie gerade heraus wollten, sondern weil ich glaubte, dass man das eben so macht, wenn man an sich arbeitet.

Vielleicht liegt genau darin eine Gefahr moderner Persönlichkeitsentwicklung. Dinge, die ursprünglich helfen sollen, können unbemerkt zu einem weiteren Leistungsbereich werden. Dann misst man nicht mehr Schritte, Kalorien oder Arbeitsstunden, sondern Meditationsserien, Journal-Seiten und Routinen. Die Form hat sich verändert, der innere Druck bleibt derselbe.

Mein Körper hat früher verstanden als mein Kopf

Die letzten Monate waren intensiv. Seit Januar hatte ich keinen richtigen Urlaub mehr. Gleichzeitig liefen große Projekte auf der Arbeit, darunter die S/4-Transformation, die zunehmend politischer und anstrengender wurde. Kurz vor dem Urlaub nahm ich an einer Finanzkonferenz mit rund hundert Teilnehmern teil. Es wurde genetzwerkt, diskutiert, eskaliert und präsentiert. Eigentlich nichts Außergewöhnliches für meine Rolle. Trotzdem merkte ich, wie mein Körper immer stärker reagierte.

Die rechte Schulter wurde hart und verspannt. Der Nacken zog zu. Irgendwann kamen Zahnschmerzen hinzu. Das war der Moment, in dem ich wirklich begann, mir Sorgen zu machen. Im Urlaub stellte sich dann heraus, dass die Schmerzen gar nicht von den Zähnen kamen. Die Ursache lag vielmehr in einer massiven Verspannung im Bereich von Schulter, Nacken und Schläfe. Sobald ich die Stelle an der Schläfe massierte, wurde es besser. Nach einer Nacht Schlaf waren die Schmerzen teilweise fast verschwunden.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass mein Körper schon lange verstanden hatte, was mein Kopf noch nicht akzeptieren wollte. Ich war nicht nur müde. Ich war überlastet. Nicht durch eine einzelne Sache, sondern durch die Summe vieler kleiner Belastungen. Arbeit, Verantwortung, Zukunftsfragen, Social Media, Kursaufbau, Selbstreflexion und der Wunsch, endlich den nächsten Schritt Richtung kreatives Leben zu machen.

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben

Ein weiterer Gedanke begleitete mich durch den Urlaub. Ich möchte Fotograf werden. Ich möchte schreiben. Ich möchte irgendwann von kreativer Arbeit leben. Und obwohl ich seit August 2025 konsequent an meinem Kurs arbeite, Blogartikel veröffentliche, Pinterest aufbaue und inzwischen auch wieder Instagram und YouTube nutze, ertappe ich mich immer wieder bei derselben Frage: Wie kann ich das beschleunigen?

Vielleicht sollte ich Tourismusverbände anschreiben. Vielleicht Kameramarken kontaktieren. Vielleicht brauche ich nur den richtigen Kontakt. Vielleicht fehlt nur noch ein Hebel.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich jedoch, dass hinter diesen Gedanken oft etwas anderes steckt. Nicht Ehrgeiz, sondern Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem Leben, das sich mehr nach mir anfühlt. Nach mehr Kreativität, mehr Freiheit und weniger politischem Projektmanagement.

Das Problem entsteht dann, wenn aus dieser Sehnsucht Druck wird. Wenn jeder Instagram-Post plötzlich beweisen soll, dass der Traum funktioniert. Wenn jede Woche ohne sichtbares Wachstum als verlorene Zeit erscheint. Wenn man beginnt, ständig nach Abkürzungen zu suchen.

Dabei zeigt die Realität etwas anderes. Seit August 2025 hat sich unglaublich viel entwickelt. Mein fotografischer Stil ist klarer geworden. Mein Kurs nimmt Form an. Meine Gedanken sind strukturierter geworden. Meine Marke Framed Freedom ist entstanden. Äußerlich mögen die Zahlen noch klein sein, innerlich ist jedoch enorm viel passiert.

Vielleicht werde ich gerade wieder ich selbst

Eine der überraschendsten Erkenntnisse dieses Urlaubs war die Erinnerung daran, wie ich eigentlich früher war. Bevor Instagram und die ganze Welt der Selbstoptimierung in mein Leben kamen, war ich nie ein Mensch für starre Routinen. Ich mochte Abwechslung. Ich wechselte Trainingspläne. Ich plante Wochenenden selten weit im Voraus. Ich führte keine ausgeklügelten Listen und wollte mein Leben nicht bis ins Detail organisieren.

Erst als ich mich 2024 verloren hatte, wurden Struktur, Journaling und Meditation zu wichtigen Ankern. Rückblickend glaube ich, dass sie genau das getan haben, was sie tun sollten. Sie haben mir geholfen, wieder zu mir selbst zurückzufinden.

Vielleicht besteht die eigentliche Entwicklung nun nicht darin, noch mehr Methoden einzuführen, sondern den Mut zu haben, einige davon wieder loszulassen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass die nächste Phase meiner Entwicklung nicht darin besteht, noch konsequenter an mir zu arbeiten. Vielleicht geht es vielmehr darum, den Werkzeugen, die mir geholfen haben, ihren Platz zu lassen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass sie nicht für immer in derselben Intensität notwendig sind. Meditation, Journaling und Reflexion haben mir geholfen, wieder zu mir selbst zurückzufinden. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nun darin, diesem Prozess zu vertrauen und das Leben wieder etwas natürlicher fließen zu lassen.

Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen

Nach zwei Wochen Portugal geht es mir deutlich besser. Die Zahnschmerzen sind nahezu verschwunden. Die Schulter ist lockerer. Vor allem habe ich verstanden, dass ich meinen Weg nicht verliere, nur weil ich einmal nicht meditiere, nicht journalte oder keinen Instagram-Post veröffentliche.

Vielleicht reicht es völlig aus, einmal pro Woche bewusst zu meditieren. Vielleicht reicht es, Gedanken dann aufzuschreiben, wenn wirklich etwas nach draußen möchte. Vielleicht reicht es, sich gelegentlich zu dehnen, statt jeden Morgen pflichtbewusst auf der Matte zu stehen.

Die wichtigste Erkenntnis dieses Urlaubs lautet für mich deshalb nicht, dass ich aufhören sollte zu wachsen. Sie lautet vielmehr, dass Wachstum nicht immer durch noch mehr Disziplin entsteht. Manchmal entsteht es dadurch, dass man aufhört, sich selbst permanent optimieren zu wollen.

Mein Weg entsteht nicht durch perfekte Routinen. Er entsteht dadurch, dass ich über lange Zeit immer wieder zu den Dingen zurückkehre, die mir wirklich wichtig sind: Fotografie, Kreativität, Familie, Freiheit und persönliche Weiterentwicklung. Vielleicht brauche ich dafür weniger Kontrolle als gedacht. Und vielleicht ist genau das die Form von Vertrauen, die ich die ganze Zeit gesucht habe . Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.

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Wochenreflexion #44/ KW 22 2026 – Warum ich in Portugal nicht meine Antworten gefunden habe – sondern erst wieder zuhause

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Wochenreflexion #42/ KW 20 2026 – Wenn Zahlen wieder anfangen, den Kopf zu steuern