Wochenreflexion #44/ KW 22 2026 – Warum ich in Portugal nicht meine Antworten gefunden habe – sondern erst wieder zuhause
Es ist schon interessant, wie oft wir glauben, dass die großen Erkenntnisse im Urlaub entstehen müssen. Man fährt weg, schafft Abstand zum Alltag, sitzt am Meer und erwartet fast automatisch, dass plötzlich Klarheit eintritt. Genau das hatte ich vor diesem Portugal-Urlaub auch irgendwo im Hinterkopf. Die letzten Monate waren anstrengend gewesen. Viele Themen auf der Arbeit, Verantwortung für mehrere Teams, große Projekte, dazu meine eigenen fotografischen Vorhaben, der Lightroom-Kurs, der Blog und die Frage, wie mein Weg langfristig aussehen soll.
Und trotzdem kam die eigentliche Klarheit nicht am Strand. Sie kam erst einige Tage nach meiner Rückkehr.
Der Urlaub hat nicht die Antwort geliefert – aber den Raum dafür geschaffen
Portugal war für mich vor allem eines: eine Unterbrechung. Zwei Wochen ohne Laptop, ohne Arbeitsalltag und mit deutlich weniger Reizen. Ich habe fotografiert, war mit meiner Familie unterwegs, bin morgens an den Strand gegangen und habe gemerkt, wie gut mir diese Ruhe tut.
Besonders die Morgenstunden haben Eindruck hinterlassen. Während viele Menschen auf spektakuläre Sonnenaufgänge hoffen, habe ich zunehmend festgestellt, dass es gar nicht die perfekten Bedingungen sind, die mir in Erinnerung bleiben. Einer meiner schönsten Morgen bestand einfach daraus, alleine an einem Strand zu stehen, Wellen zu beobachten und mit der Kamera unterwegs zu sein. Kein Druck, kein Plan, keine To-do-Liste.
Interessanterweise hatte ich an einem anderen Morgen sogar bewusst auf die Drohne verzichtet. Der Wind war stärker geworden und ich hatte bereits genügend Material aufgenommen. Früher hätte ich vermutlich versucht, trotzdem noch den einen zusätzlichen Clip mitzunehmen. Diesmal war die Entscheidung anders. Mir wurde klar, dass dieser eine weitere Drohnenclip mein Leben nicht verändern wird. Das Risiko, bereits aufgenommenes Material zu verlieren, war deutlich größer als der mögliche Gewinn.
Diese Erkenntnis klingt banal, steht aber für etwas Größeres. Oft glauben wir, dass Erfolg von einem weiteren Foto, einem weiteren Beitrag oder einer weiteren Stunde Arbeit abhängt. In Wirklichkeit sind es meist die kontinuierlichen Entscheidungen über viele Jahre hinweg.
Warum mich Surfer plötzlich mehr inspirieren als Reisefotografen
Eine weitere interessante Beobachtung entstand eher zufällig. Durch den Urlaub habe ich wieder mehr Freude daran gefunden, Wellen und Surfer zu fotografieren. Das Motiv fasziniert mich, weil es Bewegung und Ruhe gleichzeitig vereint. Während ich einige Surf-Fotografen auf Instagram angeschaut habe, fiel mir etwas auf.
Diese Inhalte haben mich überhaupt nicht gestresst.
Im Gegensatz dazu wurden mir weiterhin Reise- und Content-Creator angezeigt, die scheinbar permanent unterwegs sind, ein Abenteuer nach dem anderen erleben und ständig neue Orte präsentieren. Früher haben mich solche Profile oft verunsichert. Man beginnt unbewusst zu vergleichen und hat das Gefühl, selbst nicht genug zu erleben oder nicht genug zu produzieren.
Bei den Surf-Fotografen war das anders. Sie fotografieren Wellen. Sie fotografieren Surfer. Sie erzählen immer wieder dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Das wirkte auf mich plötzlich unglaublich beruhigend.
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis für meinen eigenen Weg. Ich muss nicht ständig neue Themen suchen. Ich darf mich mit den Motiven beschäftigen, die mich wirklich interessieren: Wasser, Ruhe, Küsten, Nebel, Weite, Atmosphäre und Menschen, die bewusst unterwegs sind.
Die Rückkehr nach Deutschland hat etwas sichtbar gemacht
Nach unserer Rückkehr fiel mir sofort etwas auf. Es hatte nichts mit Wetter oder Landschaft zu tun. Es war eher eine Stimmung.
Viele Menschen wirken hier gestresst, verschlossen oder gereizt. Natürlich ist das eine subjektive Wahrnehmung, aber sie hat mich beschäftigt. In Portugal hatte ich das Gefühl, dass Menschen häufiger lächeln, entspannter wirken und mehr Leichtigkeit ausstrahlen.
Mir wurde klar, dass ich genau das für mich bewahren möchte.
Nicht als künstliche Positivität, sondern als Haltung. Ich möchte freundlicher durchs Leben gehen. Ich möchte offener sein. Und ich möchte mir nicht von jedem Arbeitsproblem oder jeder negativen Begegnung die Stimmung nehmen lassen.
Diese Erkenntnis führte mich auch zu einer Beobachtung aus dem Alltag. Eine scheinbar kleine Situation am Kindergarten hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Menschen auf Freundlichkeit reagieren. Während ich früher vielleicht lange darüber nachgedacht hätte, warum jemand komisch reagiert oder unfreundlich wirkt, wurde mir diesmal bewusst, dass ich gar nicht kontrollieren kann, wie andere reagieren. Ich kann nur entscheiden, wie ich selbst auftreten möchte.
Die eigentliche Erkenntnis kam durch meinen Schlaf
Die vielleicht überraschendste Erkenntnis der letzten Tage hatte jedoch nichts mit Fotografie oder Portugal zu tun. Sie hatte mit Schlaf zu tun.
Schon seit Monaten schlafe ich regelmäßig beim Ins-Bett-Bringen meiner Tochter beinahe ein. Oft habe ich dagegen angekämpft, weil ich das Gefühl hatte, vom Tag noch etwas haben zu müssen. Also bin ich wieder aufgestanden, habe geduscht, vielleicht noch ferngesehen oder etwas gegessen und mich später ins Bett gelegt.
Die Folge war häufig dieselbe: schlechter Schlaf, wenig Tiefschlaf, nächtliches Aufwachen und am nächsten Tag das Gefühl, nie richtig erholt zu sein. Vor einigen Tagen habe ich das erste Mal bewusst etwas anderes gemacht. Ich bin einfach liegen geblieben.
Das Ergebnis war erstaunlich. Mehr als sieben Stunden Schlaf, über zwei Stunden Tiefschlaf und eine deutlich bessere Erholung. Noch wichtiger war jedoch die Wirkung am nächsten Morgen. Statt müde und gereizt aufzuwachen, hatte ich Energie. Ich konnte in kurzer Zeit meinen Instagram-Beitrag veröffentlichen, ein Reel erstellen, Pinterest-Pins vorbereiten und gleichzeitig entspannter in den Tag starten. Plötzlich stellte sich eine unangenehme Frage: Was wäre, wenn ich gar kein Motivationsproblem habe? Was wäre, wenn ich einfach chronisch zu wenig geschlafen habe?
Warum Müdigkeit vieles verstärkt
Rückblickend ergibt plötzlich vieles Sinn. In den letzten Monaten hatte ich immer wieder Phasen mit Grübeln, Kieferspannungen, innerer Unruhe und erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Stress. Natürlich spielen berufliche Themen dabei eine Rolle. Trotzdem wird mir immer klarer, dass Schlaf und Ernährung vermutlich einen viel größeren Einfluss haben, als ich lange angenommen habe.
Besonders auffällig ist für mich, dass ich nachdenklicher werde, wenn ich zu wenig esse. Kommen dann noch Schlafmangel und Arbeitsstress dazu, wird aus einer normalen Situation schnell ein Gedankenkreislauf.
Umgekehrt scheint ausreichender Schlaf wie ein Verstärker für Gelassenheit zu wirken. Die Probleme verschwinden dadurch nicht. Mein CIO trifft weiterhin Entscheidungen, die ich kritisch sehe. Projekte bleiben komplex. Verantwortung bleibt Verantwortung. Aber meine Fähigkeit, mit diesen Dingen umzugehen, verändert sich.
Die wichtigste Erkenntnis der letzten Wochen
Wenn ich die letzten Wochen auf einen Satz reduzieren müsste, wäre es vermutlich dieser:
Ich muss nicht ständig mehr tun. Ich muss häufiger zulassen, dass genug getan wurde. Das gilt für die Fotografie. Das gilt für die Arbeit. Und es gilt für meine Gesundheit. Der zusätzliche Drohnenclip wird mein Leben nicht verändern. Die zusätzliche Stunde Fernsehen vermutlich auch nicht. Eine weitere Diskussion über ein Projekt wird selten den entscheidenden Unterschied machen.
Eine gute Nacht Schlaf hingegen vielleicht schon. Vielleicht besteht ein Teil von Freiheit nicht darin, irgendwann nach Portugal auszuwandern oder hauptberuflich Fotograf zu werden. Vielleicht beginnt Freiheit viel früher. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem man akzeptiert, dass der Körper müde ist und schlafen möchte. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem man aufhört, gegen sich selbst zu arbeiten.
Und vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Sommers: Nicht alles muss optimiert werden. Manche Dinge funktionieren erstaunlich gut, sobald man ihnen einfach erlaubt, stattzufinden. Alle bisherigen Wochenreflexionen findest du hier.